Des Kulturmenschen liebstes Argument oder: Wie natürlich ist eigentlich Natürlichkeit? Teil II

Des Kulturmenschen liebstes Argument oder: Wie natürlich ist eigentlich Natürlichkeit? Teil II

Im oft vorgebrachten Argument, etwas sei unnatürlich (hier im speziellen der Veganismus) stecken verschiedene Grundbedeutungen. Nachdem wir uns im ersten Teil unserer mehrteiligen Reihe damit beschäftigt haben, warum die Deutungen im Hinblick auf die Urspünglichkeit und Gesundheit problematisch sind, wollen wir nun zwei weitere Aspekte beleuchten: nämlich die intendierte Nicht-Künstlichkeit und Reinheit.

  1. Ursprünglichkeit
  2. Gesundheit
  3. Nicht-Künstlichkeit
  4. Reinheit
  5. Vorgesehenheit
  6. Normalität

3. Nicht-Künstlichkeit

Oft wird der Begriff der Natürlichkeit auch als Gegenstück zu „künstlich“ oder “chemisch” gebraucht. Diejenigen, die diesen Einwand nutzen, bleiben die Erklärung was „künstlich“ ist, allerdings meist schuldig. Gerade im Ernährungsbereich wird häufig mit einem schwammigen Begriff hantiert – “Chemie”. Dieser klärt allerdings überhaupt nichts, sondern wird völlig synonym zum Begriff des Künstlichen oder „Unnatürlichen” gesetzt und vorausgesetzt jeder wisse, was damit gemeint sei. Hier wird mit einem Begriff agiert, der seine Kraft daraus schöpfen will, dass die bloße Erwähnung dieses Begriffes genug negative Assoziationskraft hat, ein richtiges Argument zu ersetzen.

Grundsätzlich gibt es hier vor allem zwei Möglichkeiten der Deutung. Zum Einen spielt der Begriff des Künstlichen auf etwas von Menschenhand geschaffenes an und erzeugt so die Trennung von „Natur“ und „Kultur“. Die Antwort könnte jetzt in der spitzfindigen Bemerkung bestehen, dass der Begriff der Natur und die Vorstellung, die der Mensch von dieser hat, durch Zeiten, Regionen und Kulturen sehr stark variiert und sich damit selbst als etwas kulturelles entlarvt, ebenso wie die Trennung von „Kultur” und „Natur” überhaupt. Dahinter stecken zwei wichtige Erkenntnisse. Erstens gibt es für den Menschen nichts, das nicht durch ihn gedeutet, bewertet und in seiner Wahrnehmung beeinflusst ist. Das bedeutet, dass wir gar nicht wissen können, wie denn ein Ding wirklich ist, da wir alles durch einen kulturellen Filter wahrnehmen. Auch die vermeintlich natürlichen Dinge, die nicht durch uns geschaffenen worden sind, sind also trotzdem in gewissem Sinne durch uns gemacht. Wir nehmen sie wahr, ordnen sie ein, statten sie mit Sinn und Bedeutung aus und nutzen sie. Selbst wenn gesagt werden könnte, dass sie ohne uns existieren, so fügen wir ihnen dennoch etwas hinzu. Im Zweifel immer die Bedeutung, die sie für uns, unsere Ziele, Bedürfnisse, usw. haben, die Kategorien, in denen wir sie denken, das ästhetische Empfinden, moralische Werte wie „gut” oder „böse” und vieles mehr.

Zweitens könnte man genau diese Fähigkeit zur Künstlichkeit, also zur Erzeugung von etwas gerade als Teil des Wesens des Menschen beschreiben. Der Mensch stellt Dinge her, z. B. Werkzeuge oder Lebensmittel, mit denen er die Welt begreift, sich ernährt, überlebt, sich entwickelt und ohne die er nicht kann. Dazu gehört übrigens auch ausdrücklich die Moral, die nicht etwas „Künstliches“ von außen ist, sondern in dem Sinne wie der Begriff hier verwendet wird, etwas „Natürliches“, das Teil der „Natur“, also der biologischen und evolutionären Ausstattung des Menschen ist. Aufgrund dessen könnte man das Argument sogar umdrehen und behaupten, das vermeintlich „Natürliche“ ist für den Menschen ganz und gar „unnatürlich“, während das „Künstliche“ seine „wahre Natur“ ausmache. Spätestens hier zeigt sich noch einmal deutlich, wie sehr die Trennung von Natur und Kultur und die einzelnen Begriffsinhalte variieren können.

Damit kann jetzt auch der Punkt der „Chemie“ sehr kurz abgehandelt werden. Einerseits besteht auch der natürliche Apfel aus „purer Chemie“, denn er besteht aus chemischen Verbindungen. Er wird zudem „künstlich“ hergestellt, also von Menschen gepflanzt, gegossen, geerntet und nicht zuletzt sind die heutigen Apfelsorten das Ergebnis menschlicher Züchtungen. Umgekehrt ist aber auch die Herstellung eines Aromastoffes nichts Unnatürliches für den Menschen, eben weil es in der menschlichen Natur liegt, Dinge zu erschaffen. Bei unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, würde wohl auch kaum jemand auf die Idee kommen, deren Verwendung von Werkzeugen als „unnatürlich“ zu bezeichnen. Nur beim Menschen dient dies plötzlich als Argument. Schlussendlich sollte das Argument von all denen noch einmal überdacht werden, die von Menschen entwickelte Dinge wie Gasherde oder Facebook nutzen. Denn entweder ist das Künstliche nichts an sich Schlechtes oder sie sollten auch dies konsequent meiden.

4. Reinheit

Die Bedeutung von „Reinheit“ als Synonym für Natürlichkeit wurde bereits im Zuge der so genannten „Romantik“ im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert verwendet, in der Natur und Kultur gegenüber gestellt wurden. Hier wurde Natürlichkeit als etwas von „den verderblichen Einflüssen der Kultur“ unbeeinflusstes verstanden. Ähnlich wird es auch heute noch verwendet. Häufig meint es entweder frei von „künstlichen“ oder „chemischen“ Zusätzen (siehe Punkt 3) oder, immer noch im Sinne der Gegenüberstellung von Natur und Kultur, etwas scheinbar Ursprünglicheres ( siehe dazu Punkt 1).

Der nächste Teil erscheint in Kürze. Hier geht es zum ersten Teil.

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