Hasse die Massentierhaltung – aber sei nicht zu extrem.

Hasse die Massentierhaltung – aber sei nicht zu extrem.

Diese Woche hat ein Facebook-Post von Dominik Boisen für Furore gesorgt. In Bezug auf ein Angebot von Aldi – 600 g Nackensteak für 1,99 Euro – äußert er sich voller Empörung über den „Wert“ dieses Lebensmittels, prangert die Ausbeutung an [1], „für dessen Produktion alles und jeder bis zum Anschlag ausgebeutet wurde – am meisten die, die sich am wenigsten wehren können: die Tiere“, um gleich im nächsten Absatz zu betonen: „Ich bin kein ideologisch verblendeter Ökofaschist“.

Dominik ist einer jener Konsumierenden, die wir heute zu Millionen finden: Man selbst lehnt jede Art von „Extremismus“ ab (ohne sich zu fragen, was denn die Extreme sind), schiebt die Schuld auf andere, prangert die böse Massentierhaltung an, aber konsumiert Biofleisch und Fleisch aus „artgerechter“ Haltung, versteht nicht die Gesamtunterdrückung der Tiere (es geht um die Ernährung, ohne zu erkennen, dass Millionen Tiere ebenfalls bei der Jagd, in Zoos, in Zirkussen, bei Tierversuchen, als „Haustiere“ in viel zu kleinen Käfigen usw. leiden müssen),  versteht die gesellschaftlichen Zusammenhänge und den Druck der kapitalistischen Produktionsweise nicht (es wird angenommen, Aldi könne mit „gutem“ Beispiel vorangehen, weil sie eine Marktdominanz besitzen) und prangert jene an, die konsequent sind („ideologisch verblendete Ökofaschisten“).

Dominik ist also jener Typus, der in unserer Gesellschaft vorherrschend ist: Man macht sich vor, ein guter Mensch zu sein, indem man andere anklagt und von diesen verlangt, etwas zu verändern. Man selbst ist kein schlechter Mensch. Schlecht sind die Politiker*innen und die Unternehmen. DIE müssen etwas ändern. Nicht wir. Wir sind ja gut, indem wir einmal pro Woche kein Fleisch essen. Oder nur Fleisch aus “guter Haltung”. Dabei wird verkannt, dass es keine gute Tierhaltung gibt, sondern nur weniger schlechte.

Dominik schreibt:

„Es wäre für Euch ein Leichtes, Eure Marktdominanz zu nutzen, um mit gutem Beispiel voran zu gehen und die Zustände positiv zu verändern.“

Dominik versteht den Kapitalismus nicht. Er versteht nicht, dass Unternehmen auch dann Leute entlassen, wenn sie Rekordgewinne einfahren. Einfach, um den Profit zu erhöhen. Aldi spielt das Spiel des Kapitalismus nur erfolgreich. Wer der Auffassung ist, dass Aldi die Marktmacht nutzen könnte, um Tierwohl durchzusetzen, ist naiv. Wenn Aldi das macht, tritt ein anderes Unternehmen an die Stelle von Aldi. Aldi ist erfolgreich, weil sie billig produzieren. Aldi hat dazu beigetragen, dass die Massentierhaltung in Deutschland etabliert wurde. Aber das bedeutet nicht, dass Aldi einfach anders handeln könnte.

Schockierend ist, dass dieser Post solch eine große Reichweite hat. Millionen Menschen haben ihn gelesen. Und fühlen sich bestätigt. „Endlich sagt es mal jemand!“ „Aldi ist scheiße!“ „Massentierhaltung sollte verboten werden!“. Das drückt die ganze Ambivalenz dieser Menschen aus: Ändern sollen sich andere. Nur man selbst soll sich nicht ändern. Man kauft ja schon „Biofleisch“. Nur „radikal“ oder „extrem“ will man nicht sein. Kein Fleisch? Wie diese veganen Faschisten? Das geht ja nun gar nicht! Man braucht schon Fleisch! Aber eben nicht aus Massentierhaltung. Man will gut sein, aber versteht nicht, dass man nur weniger schlecht is(s)t. Wer so denkt, sieht auch an solchen Aussagen nichts Problematisches:

„Ich wünsche Euch von Herzen, dass Ihr vom Verzehr dieser Antibiotika-Schnitzel schlimmes Genitalherpes bekommt mit übelstem Juckreiz, hässlichen eitrigen Pusteln und beißendem Gestank. Aber ich fürchte, dass Ihr dieses ekelhafte Zeug selbst gar nicht anrührt. Und das kann ich sogar verstehen. Naja, vielleicht läuft es ja gut und Ihr bekommt trotzdem irgendeine fiese Seuche. Glück auf!“

Merke: Man darf nur dann beleidigen, wenn man kein “ideologisch verblendete[r] Ökofaschist” ist. Dieser Widerspruch ist nicht nur zufällig. Widersprüchlichkeit durchzieht unser ganzes Verhältnis zu Tieren.

Die Kommentarspalten waren voll. Tausende Menschen haben geliked und kommentiert. Es wurden die üblichen “Argumente” gebracht. Was können Tierrechtler*innen und Veganer*innen daraus lernen? Der Veganismus ist eine Macht. Die Kritik an den Zuständen der Massentierhaltung sind verankert. Es ist nebensächlich, ob nun mehr Omnis oder mehr Veganer*innen Likes erhalten. Es ist wichtig, dass dieses Thema diskutiert wird. Millionen Menschen lesen, dass die Massentierhaltung schlecht ist. Tausende Liken das. Tausende kritisieren Aldi. Die Massentierhaltung hat keine demokratische Basis.
Die Frage ist, welche Konsequenzen die Menschen daraus ziehen.

[1] Für ökonomisch Interessierte: In der Theorie von Karl Marx bestimmt sich der Wert einer Ware durch die gesellschaftliche notwendige Arbeitszeit, um die Ware herzustellen. Dabei unterscheidet Marx den Gebrauchswert einer Ware von ihrem Tauschwert. Der Gebrauchswert wird dadurch definiert, dass die Ware ein bestimmtes Bedürfnis befriedigt. Der Tauschwert hingegen wird definiert durch die Möglichkeit, eine Ware gegen eine andere zu tauschen. Das spezielle an der kapitalistischen Produktionsweise ist, dass Waren produziert werden, um sie zu tauschen, nicht, um Bedürfnisse zu befriedigen.

“Ausbeutung” beschreibt bei Marx die Aneignung des Mehrwerts der Arbeit. Der/Die KapitalistIn kauft die Arbeitskraft eines Menschen, und in der Ausübung der Arbeitskraft entsteht Mehrwert. Wenn eine Lohnarbeiterin z.B. 8 Stunden arbeitet, aber nur 6 Stunden benötigt, um sich selbst zu “reproduzieren”, dann entsteht ein Mehrwert von 2 Stunden. Diesen Vorgang bezeichnet Marx als Ausbeutung. Ausbeutung ist also nicht dann gegeben, wenn die Arbeitsverhältnisse besonders schlimm sind, sondern notwendiger Bestandteil der kapitalistischen Produktionsweise.

(Siehe auch: Heinrich, Michael: Kritik der politischen Ökonomie – Eine Einführung. 3. Auflage.Stuttgart: Schmetterling 2005. Marx, Karl: Das Kapital. MEW 23.)

1 Kommentar

  1. Robinius

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