Des Kulturmenschen liebstes Argument oder: Wie natürlich ist eigentlich Natürlichkeit? Teil III

Des Kulturmenschen liebstes Argument oder: Wie natürlich ist eigentlich Natürlichkeit? Teil III

Im letzten Teil von Sebastians Artikelreihe zur Natürlichkeit werden die letzten zwei intendierten Bedeutungen des Begriffs näher beleuchtet: die Vorgesehenheit und die Normalität.

  1. Ursprünglichkeit
  2. Gesundheit
  3. Nicht-Künstlichkeit
  4. Reinheit
  5. Vorgesehenheit
  6. Normalität

5. Vorgesehenheit

Eine weitere Möglichkeit ist die Zwangsläufigkeit. Natürlich sei, was  „von der Natur so vorgesehen“. Eine solche unterstellte Zwangsläufigkeit wird oft auch zur Rechtfertigung von Sexismus  genutzt. Es wird unterstellt,  die Natur selbst sei handelndes Subjekt und bestimmte Dinge eben so vorgesehen. Damit verbunden ist zugleich der Anspruch, sich diesem nicht entgegenzustellen, denn  dies sei „unnatürlich“.
Als Erstes muss auch hier mit einem Irrtum aufgeräumt werden. Die „Natur“ kann nichts wollen. Was geschieht, geschieht im Rahmen von Ursache und Wirkung, zu denen beim Menschen auch kulturelle Prozesse gehören. Deutlich wird dies an einem Missverständnis die Evolution betreffend. So wird oft gesagt, Ziel der Evolution sei das Überleben der besser angepassten Spezies. Die Evolution hat allerdings kein solches Ziel. Es geschieht einfach. Besser angepasste Lebensformen können durch die Vererbung ihrer Gene, ihr Überleben sichern. Nirgendwo ist dies allerdings durch den Prozess  der „Evolution” selbst gewollt. Die „Natur”, verstanden als die biologischen Voraussetzungen, Prozesse und Entwicklungen sieht also nichts vor. Sie gibt nur einen Rahmen vor, in dem bestimmte Dinge geschehen können und bestimmte Dinge nicht oder noch nicht.

So gibt sie beispielsweise vor, dass der Mensch nicht wie ein Vogel fliegen kann, denn ihm fehlen Flügel. Sie „verbietet” aber nicht, dass der Mensch Mittel einsetzt, um doch zu fliegen – beispielsweise Flugzeuge. Ganz im Gegenteil ermöglicht sie dies sogar.

Die Vegan Sidekick Fehlschluss-Medaille: Natürlichkeit
Vegan Sidekick

6. Normalität und Alternativlosigkeit

Im Prinzip klang diese Bedeutung in allen anderen Punkten schon an und steht in engem Kontakt mit Punkt 5. In diesem wird aus jener Normalität und Alternativlosigkeit die Vorgesehenheit geformt. Normalität ist dabei erneut als Konstrukt zu verstehen, als eine Festlegung, was normal ist und was nicht.

Beim Essen gibt es beispielsweise ein gewisser Rahmen vorgegeben. Unser Verdauungssystem kann nur bestimmte Nahrung verarbeiten und andere nicht. Was wir essen wird darüber hinaus von der Gesellschaft bestimmt, in der wir leben und von dieser als Norm vorgegeben wird.  Das aber ist nur ein winzig kleiner Teil dessen, was wir theoretisch als Nahrung zu uns nehmen könnten. Der Ekel vor Insekten ist in Europa weit verbreitet und wird als normal betrachtet. Der Ekel vor Fleisch und Kuhmilch hingegen wird als Abweichung von der Norm angesehen. Das bedeutet aber keine Zwangsläufigkeit, denn in anderen Teilen der Welt werden sie gegessen, sind also verdaubar. Daraus kann keine Regel folgen, schon gar keine Natürlichkeit oder Unnatürlichkeit in Bezug auf das Essen von Insekten. Normen wandelt sich. Sie beschreiben bestimmte Selbstverständlichkeiten innerhalb einer Gesellschaft oder Gruppe, in die die einzelnen Mitglieder hineinwachsen, die sie erlernen und die ihnen  als alternativlos erscheinen. Eben weil sie nichts anderes kennen.

Die Konstruktion von Normalität, also das Aufstellen scheinbar alternativloser Selbstverständlichkeiten, wird aber gerade durch den Begriff der Natürlichkeit verschleiert. Durch diesen soll, kann und wurde alles Mögliche begründet.

Zu anderen Zeiten waren die biblischen oder mythischen Verhaltensregeln natürlich. Sie gaben die Normalität vor, nach der die Menschen zu leben hatten. Im Zuge der Entwicklung des Menschens und des damit verbundenen Wegfalls traditioneller Erklärungssysteme, wie dem Schöpfergott, wurden diese durch neue ersetzt, da auch das Bild der Natur sich wandelte. Eines der neuen Erklärmodelle ist jenes der durch Gott „bereinigten” Natur oder besser das, was man sich darunter vorstellte. Aus dieser Vorstellung sollten nun verbindliche Regeln, Sicherheiten und Gewissheiten abgeleitet werden. Die Natur als Abgrenzung zur Kultur wurde zum neuen Gott. Dies findet sich zuweilen leider auch im Veganismus wieder. Es wird versucht, einen „natürlichen” Zustand zu definieren, der allem menschlich gemachten vorgelagert sei. Eine Normalität, eine selbstverständliche Ordnung, die Sicherheit verspricht und durch scheinbare Alternativlosigkeit absichert. Auf diese Weise sollten die eigenen Gewissheiten, Vorstellungen und Normen gestützt werden.

Die Natürlichkeit von etwas soll also  dessen Alternativlosigkeit anzeigen und als Rechtfertigung für ein bestimmtes Verhalten dienen. Dabei wird jedoch übersehen, dass weder Natur, noch Normalität etwas Gegebenes sind. Es sind gewachsene und interpretierte Vorstellungen. Denn weder kennen wir die ursprünglichen Verhaltensweisen des Menschen, noch stehen Natur und unsere Vorstellungen von ihr still. Wenn etwas das Wesen der Natur ist, dann der Wandel und die Vielschichtigkeit. Deswegen kann aus ihr selbst heraus auch keine menschliche Normalität begründet werden, die über das physisch Mögliche hinausgeht.

Fazit

Alles in allem sollte sich also gezeigt haben, dass „Natürlichkeit“ immer nur scheinbar das Gleiche meint, sondern verschiedene Bedeutungsebenen hat, die je nach Kontext als Argument gebraucht werden. Zugleich aber eignet sich keine der Bedeutungsebenen als Argument für oder gegen den Veganismus. Nicht nur meinen „Natürlichkeit” und „Natur” immer etwas unterschiedliches und zugleich widersprüchliches, bereits die Trennung von „Natur” und „Kultur” ist weder selbstverständlich noch selbsterklärend, sondern folgt nur einer ganz bestimmten Weltdeutung, einer Ideologie, in der mit den beiden Begriffen jeweils immer das bezeichnet wird, was als „schlecht” oder „gut” gilt. „Natürlichkeit” ist also nur der Ausdruck einer bestimmten Vorstellung, wie die Welt zu sein habe und kein Argument dafür, dass es so sein muss oder soll.

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