Des Kulturmenschen liebstes Argument oder: Wie natürlich ist eigentlich Natürlichkeit? Teil I

Des Kulturmenschen liebstes Argument oder: Wie natürlich ist eigentlich Natürlichkeit? Teil I

Wir wollen uns in einem mehrteiligen Aufsatz einem Begriff und zugleich Argument widmen – Natürlichkeit. Dieses wird  gern sowohl von veganer, als auch von nichtveganer Seite genutzt, um die jeweilige Position zu begründen. Allerdings leider von beiden Seiten ähnlich unreflektiert.
Und dabei meinen beide Seiten gar nicht mal einheitlich das Gleiche mit dem Begriff. Das wiederum ist einer der Gründe, warum ihn auch beide Seiten so unbeeindruckt voneinander verwenden können. Die Vokabel ist also dieselbe, aber der intendierte Inhalt variiert sehr stark, je nachdem, wie der Begriff genutzt wird. Daher werden wir einige der Bedeutungen aufzeigen, getrennt voneinander untersuchen und auf ihre Tauglichkeit als Argument hin überprüfen.

  1. Ursprünglichkeit
  2. Gesundheit
  3. Nichtkünstlichkeit
  4. Reinheit
  5. Vorgesehenheit
  6. Normalität
Beev – Vegane Selbstgespräche
BEEV

1. Ursprünglichkeit

Die erste Variante, in der der Begriff der Natürlichkeit als Argument verwendet wird, soll eine Ursprünglichkeit ausdrücken. Darin versteckt oder offen enthalten findet sich oftmals ein Vergleich zwischen zwei Dingen. Eines dieser Dinge sei natürlicher, während das Andere in Abgrenzung dazu als unnatürlich bezeichnet wird. Ein Beispiel dafür wäre der Satz: „Das Essen von Sojaschnitzeln ist unnatürlich“. Dieser Satz sagt zugleich aus, dass das Essen anderer Dinge – wie zum Beispiel eines Schweinesteaks mit Kartoffelpüree oder das Essen eines Apfels vom Baum – viel natürlicher, also ursprünglicher sei. Schweineschnitzel mit Kartoffelpüree oder Apfel vom Baum habe der Mensch schon immer oder schon viel länger gegessen als gebratenes Sojaschnitzel. Etwas Neues wird mit dem Verweis auf eine Tradition abgelehnt. Jetzt soll es uns gar nicht um den versteckten Konservatismus im Denken des Sprechers gehen, sondern darum, dass die Aussage sich gegen ihn wendet und das aus vor allem zwei Gründen.

So muss erstens, nur weil etwas „neu“ ist, dieses nicht schlecht sein. Es besteht keine kausale Verbindung zwischen „neu“ und „schlecht“. Darüber hinaus wäre in diesem Fall die Etablierung irgendeines Neuen nicht möglich, da es ja als schlecht gelten müsste. Der Umstand, dass der Sprecher überhaupt Sprache benutzt, ist dabei ebenfalls zu irgendeinem Zeitpunkt etwas Neues gewesen und wäre daher im Rahmen des Arguments abzulehnen.

Damit sind wir zugleich beim zweiten Punkt angelangt. Die Aussage geht von einem relativen Standpunkt aus, ohne es zu merken. Selbstverständlich kann ich sagen, dass das Essen von gebratenem Sojaschnitzel neuer ist. Das gleiche kann ich über das Schweinesteak mit Kartoffelpüree oder über den Apfel vom Baum allerdings auch sagen. Denn die Position ist relativ, je nachdem, an welche Stelle ich mich auf dem Zeitstrahl der Vergangenheit stelle und welche Region oder Entwicklungsstufe des Menschen oder Universums ich mir dabei ansehe. Zu sagen, etwas sei „natürlicher“ im Sinne von „ursprünglicher“, ist also nur relativ möglich und taugt daher nicht als Argument für oder gegen irgendetwas.

Der ArtgeNosse – Veganismus ist eine Wohlstandkrankheit!
Der Artgenosse

Das gilt auch dann, wenn Ursprünglichkeit für alles reserviert sein soll, was nicht durch den Menschen verändert worden ist. Seit dem Aufkommen des Menschen gibt es nichts mehr in seiner Reichweite, das dieses Kriterium erfüllt. Das Fleisch stammt von gezüchteten Tieren und auch der Ackerbau ist ebenso menschengemacht. Nicht einmal wenn man das zur Ursprünglichkeit des Menschen erklären wollen würde, um es so argumentativ zu retten, hätte man Erfolg. Denn beides sind Erfindungen, die nicht von Anfang an bestanden.

Hinzu kommt freilich noch, dass wir in den allermeisten Fällen gar nicht wissen, was tatsächlich gewesen ist oder es je wissen könnten. Vielmehr gibt es historische Theorien, die mehr oder weniger durch Quellen gestützt werden können, von der Entdeckung einer “historischen Realität”, wie sie “tatsächlich” einmal gewesen ist, nehmen Historiker jedoch bewusst Abstand.

2. Gesundheit

Gern wird Natürlichkeit auch synonym für gesund verwendet, Unnatürliches hingegen wird als ungesund angesehen. Auch hier muss als erstes betont werden, dass wir kein absolutes Wissen von der Gesundheit des Menschen haben. Es handelt sich dabei um mehr oder weniger schnell verändernde Theorien und Erkenntnisse, die noch dazu durch die jeweilige Gesellschaft und nicht selten auch durch deren Schönheitsideale beeinflusst werden. Was also gesund ist und was nicht, ist eben nicht so eindeutig festzustellen. In anderen Kulturen und Zeiten galten andere Dinge als gesund oder ungesund. Wenn gesund nun aber heißen soll, dass wir möglichst lange physisch und psychisch ohne Einschränkungen durch Krankheiten oder vorzeitigen Alterungsprozess leben können, dann stellt sich auch hier wieder die Frage, was dann mit Dingen wie Antibiotika ist. Sie helfen den Gesundheitszustand des Körpers wiederherzustellen, gelten aber einigen als „unnatürlich“, während andere „natürliche“ Dinge sehr „ungesund“ sein können, Giftpilze zum Beispiel. Und auch eine hohe Kindersterblichkeit war lange Zeit etwas sehr „natürliches“, für die betroffenen Kinder allerdings alles andere als gesund. Damit sind in diesem Sinne auch jegliche Medizin, selbst Naturheilmittel, Hygiene und vieles mehr im Kern unnatürlich aber trotzdem gesund oder gesundheitsfördernd. Natürlichkeit und Gesundheit hängen also nicht zwangsweise zusammen.

Hier geht es zum zweiten Teil der Reihe.

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