Internetaktivismus: Facebookdiskussionen

Internetaktivismus: Facebookdiskussionen

Wie ich Diskussionen über Veganismus, Tierausbeutung und andere Diskriminierungsformen gestalte

Aktivismus kennt viele Formen und findet nicht nur an Infoständen, in Demos, beim Flyern und bei sonstigen Gelegenheiten im Alltag statt, sondern auch immer mehr im Internet, gerade auch auf Facebook.

Als Aktivist*in ist es einem wichtig, Menschen über Missstände zu informieren, Counterspeech zu betreiben (also das verbale Dagegenhalten gegen Missstände und Scheinargumente), Halbwahrheiten und unsachliche Polemik zu entlarven und mit Fakten dagegenzuhalten.
Ebenso geht es darum, Menschen zum Dialog einzuladen, fehlerhafte Artikel oder Postings zu korrigieren und zu ergänzen und mit weiterführenden Links Wissen über verschiedene Problematiken und Handlungsalternativen unter die Leute zu bringen.

Doch bei Diskussionen über Tierausbeutung und den damit zusammenhängenden Themenfeldern sollte man einiges beachten, um nicht kontraproduktiv zu arbeiten oder sich in emotional aufgeladenen, erschöpfenden und oft sehr unsachlich geführten Diskussionen aufzureiben, die dann weder einem selber, noch Mitdiskutant*innen oder mitlesenden Personen etwas bringen. Gerade bei Diskussionen über Veganismus, Tierrechte und Tierausbeutung ist es meiner Meinung nach wichtig, möglichst sachlich zu bleiben, da sich viele Menschen der Zusammenhänge und Problematiken nicht bewusst sind und ein zu forscher Ton nur unnötig Mauern hochziehen würde bei Personen, die vielleicht sonst zugänglich und interessiert sind. Augenzwinkernder bis scharfer Humor ist eine weitere Möglichkeit, um Menschen sinnvoll zu erreichen, wenn sie sich als nicht offen für Argumente herausstellen.

Im Folgenden schildere ich meine ganz persönliche Herangehensweise, die auf vielen Erfahrungen und Beobachtungen solcher Situationen beruht.

  1. Auf das Gesagte des Gegenüber eingehen
    Ich zitiere meist, damit man den Anschluss findet und schreibe dazu genau, was ich denke. Das hilft mir, nichts zu übersehen. Und dem Gegenüber gibt es – hoffentlich – das Gefühl, dass ich auch auf die Argumente eingehe.
  2. Auf die Äußerungen eingehen, die die Diskussion voranbringen
    Bei vielen Diskussionspartner*innen gleichzeitig überlege ich mir, welche Kommentare die Diskussion weiterbringen und gehe dann gern auf die gesammelt ein. Die anderen Äußerungen ignoriere ich, bis sich die Mitdiskutierenden dann vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt sinnvoller oder gewillter einbringen.
  3. Einbringen von Links und Zitaten
    Diese helfen zu untermauern, dass ich mir den Kram nicht aus den Fingern sauge. Dafür habe ich gute Links zu verschiedenen Themen gesammelt, die ich dann bei Bedarf einwerfe. Dann kann die andere Person dort auch selber weiterlesen. Oft reicht der Link aber auch aus, um dem Gegenüber zu zeigen, dass das Hand und Fuß hat, was ich behaupte. Ich kann dann feststellen, ob da noch weiter drüber geredet wird, oder ein anderes (Schein-)Argument eingeworfen wird.
  4. Trolle identifizieren und weiter diskutieren
    Gerade bei dem Thema Veganismus und Tierausbeutung melden sich häufig Trolle zu Wort, die einfach immer nur dieselben Phrasen wiederholen, deren Ziel es ist, Veganer*Innen zu nerven und zu verärgern. Mit denen sind Diskussionen eh nicht wirklich vielversprechend, wenn man die Hoffnung hat, dass sie ihre Meinung hinterfragen und vielleicht sogar ändern. Daher ist es wichtig, die stillen Mitlesenden nicht zu vergessen und dennoch weiter sinnvoll zu argumentieren und auch darauf zu vertrauen, dass eine sachliche Art sie erreicht und informiert.
  5. Ärger hilft nicht
    Er macht mich unsachlich. Daher versuche ich den aus den Diskussionen größtenteils rauszulassen und dann lieber parallel im Chat einer*m Vertrauten zu schreiben „Haste das gelesen? Das ist ja wohl die Höhe!“, oder “Boah, reg ich mich gerade wieder auf!”
  6. Keine Beleidigungen
    Oft haben solche Diskussionen schnell einen scharfen oder abwertenden Ton. Doch ich sehe Beleidigungen nicht als zielführend an und vermeide daher solche Äußerungen.
  7. Vermeiden von Diskriminierungen
    …in der Ansprache, in den Rückschlüssen, in den Verortungen… Dazu zählt auch sowas wie: “dumm“, “doof“, “ungebildet“, “unsensibel“, “fett“, “hässlich“, “krank“, “gestört“… You name it.
    Diskriminierungen sind scheiße und da bin ich konsequent.
  8. Hinweisen auf Diskriminierungen
    Menschen sind sich oft gar nicht bewusst über die Diskriminierungsformen, die sie bedienen, wie zum Beispiel Ableism (Behindertenfeindlichkeit), Sozialchauvinismus, Sexismus, … Jene sind so alltäglich und omnipräsent, dass sie in den meisten Fällen unabsichtlich und unbewusst bedient werden. Darum ist es wichtig, genau zu formulieren, inwiefern die Aussagen diskriminierend und problematisch sind. Ich benenne dann den Stein des Anstoßes und erläutere die logischen Schlüsse und Konsequenzen, verorte das und benenne die entsprechende Diskriminierung etc. Erst dann wird vielen Menschen klar, was ihre Äußerungen implizieren und sie überdenken sie.
  9. Wohlüberlegte Vergleiche nutzen
    Zur Not müssen – gut gewählte – Vergleiche her, um das zu illustrieren, was ich sagen will. Dabei muss ich aufpassen, dass ich da nicht in Fettnäpfchen trete mit unüberlegten Vergleichen und mich damit kontraproduktiv oder problematisch äußere. Mir ein Derailing (wörtlich “Entgleisung” = absichtlich ablenkende Kommentare mit neuen Aspekten oder Themen) durch andere Person/en anzulachen, indem ich neue, eher unwichtige Themen aufmache und somit dem Gegenüber die Chance gebe, abzulenken oder es unabsichtlicherweise verwirre, sollte vermieden werden.
  10. Derailing
    …ignoriere ich meist. Es wird höchstens mal nebenbei benannt, aber auf jene einzugehen, führt ja zu nix und lenkt nur vom eigentlichen Thema ab.
  11. Humor
    Wenn ich merke, dass jemand wirklich ignorant ist und bleiben will, kriegt er von mir z.B. ein Bullshit-Bingo gepostet. Humor hilft mir da und solche Bullshit-Bbingos können auch Mitlesenden zeigen, dass bestimmte Phrasen kein wirkliches Eingehen auf das Thema sind, sondern Standardreaktionen, Abwehrmechanismen und Scheinargumente.
  12. Wenn jemand einfach nur ein Troll ist: siehe 10. und 11. – je nachdem.
  13. Brücken bauen
    …und auch mal bewusst die Hand reichen, indem ich einwerfe, dass ich das früher auch lange so nicht sehen/verstehen konnte oder Ähnliches. Dabei bin ich auch ehrlich und drücke mir keinen Kram aus dem Kopf. Gern erwähne ich meine Freude, wenn sich jemand wirklich öffnet, nachfragt, Unwissen einräumt, Umdenken zeigt… Ich weiß, dass es nicht leicht ist, und möchte die Bereitschaft auch wertschätzen.
  14. Sachlichkeit einfordern
    Wenn Menschen, die zwar meine Sicht vertreten, alles derailen oder lospoltern, beleidigen und sich somit in meinen Augen kontraproduktiv verhalten und damit meine sachliche Diskussion zersetzen, weise ich die auch schon mal in die Schranken und bitte sie, sachlich zu bleiben oder woanders zu schreiben.
  15. Spaß an der Sache haben
    Auch wenn Aktivismus einen zwischendurch auch mal nervt, halb verzweifeln lässt, Rückschläge mit sich bringt und Zeit beansprucht, sollte man dennoch das Gefühl haben, etwas Befriedigendes zu tun. Pausen können helfen, Überdruss und Frust zu vermeiden, Austausch mit anderen Aktivist*innen hilft, neue Strategien zu erlernen und Frust abzulassen.

Aktivismus muss Spaß machen.
Und das wünsche ich euch auch – also: Los gehts! 🙂

2 Kommentare

  1. Elli

    Super geschrieben und hilfreich. Bei den Vergleichen vermisse ich Hinweise auf problematische Vergleiche und Erklärungen, warum sie problematisch sind. Das sind Holocaust- und V*rg*w*’lt*g*ngsvergleiche sowie Sklavereivergleiche und Verlinkungen zu Texten, in denen die Problematik erklärt wird.

    1. Illith Powers

      Hey, Elli! Sorry, dass es so lang gedauert hat – wir waren *echt* gut eingespannt. 😉
      Die von Dir angesprochenen konkreten Thematiken sind auf jeden Fall sehr wichtig, aber gleichzeitg auch echt komplex. Die stehen auch auf unserer (sehr langen) Artikel-ToDo-Liste.

      Hast Du Links parat, die Du empfehlenswert findest, in dem Zusammenhang? 🙂
      Zu der Sklavereivergleichsthematik fand ich z.B. diesen Artikel aufschlussreich:
      http://www.afropunk.com/profiles/blogs/op-ed-listen-up-problematic-white-vegans-stop-comparing-black

      Allerdings hab ich bei weiterem Herumlesen auch gesehen, dass es viele Black Vegans gibt, die wiederum den Vergleich korrekt und wichtig finden. Analog gibt es ja auch Holocaust-Überlebende oder -Nachfahren, die wiederum den Vergleich promoten. (unbesehen davon bin ich aber defintiv der Ansicht, dass weiße/nicht-jüdische Leute das tunlichst unterlassen sollen)

      Zu R#pe-Vergleichen bzw. -Benennungen hatten wir im Forum mal eine längere Diskussion:
      http://vegan-forum.de/viewtopic.php?f=14&t=6345

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