Adventskalender „Don’t go Pollmer!“ Tür 5: „Unsensibel: Pflanzen empfinden nichts, also darf man sie essen“

Adventskalender „Don’t go Pollmer!“ Tür 5: „Unsensibel: Pflanzen empfinden nichts, also darf man sie essen“

Kurzzusammenfassung:

Die Autoren meinen, dass Pflanzen aufgrund des fehlenden zentralen Nervensystems die Leidensfähigkeit nicht abgesprochen werden dürfe. „Während die Bulette im Hamburger beim Verzehr bereits mausetot ist wie das Brötchen, ist der […] Salat mit seiner offenen Schnittwunde […] noch quietschlebendig.“ Als Konsequenz der postulierten Leidensfähigkeit kommen die Autoren zum Schluss, dass es nur noch einen ethischen Ausweg gäbe, sich nämlich einen veganen Moralphilosophen zu braten.

Ihr wisst nicht worum es geht? Hier geht es zur Einleitung und hier geht es zur vierten Tür des Kalenders „Irrtum: Vegetarismus ist eine Ernährungsweise„.

„Unsensibel: Pflanzen empfinden nichts, also darf man sie essen“

„Pflanzen haben auch Gefühle!“ Dieses Argument – ebenso wie der Spruch „Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg!“ – ist so alt, dass Historiker*innen vermuten, er sei bereits entstanden, bevor es den Begriff des Vegetarismus in der heutigen Form überhaupt schon gab. Aber was alt ist, das kann nicht schlecht sein, oder?

Was hingegen nicht so alt ist, ist das Konzept der Gefühle oder auch Emotionen. Mit diesen Begriffen werden nämlich bestimmte Formen emotionaler Prozesse bezeichnet. Emotionen gelten in den Wissenschaften dabei oft als Oberbegriff für allerhand verschiedene Prozesse, die in unterschiedlichen Kulturen auch unterschiedlich definiert und bewertet werden. Dazu zählen Affekte, Leidenschaften, Passionen, Stimmungen oder Gefühle, mit denen andere Vorstellungen und Prozesse bezeichnet werden. Ebenso wird häufig zwischen emotionalen Prozessen unterschieden, die sehr einfachen Mustern folgen, vor allem auf das Überleben direkter Bedrohungen ausgerichtet sind und für die höhere kognitive Fähigkeiten zwingend notwendig scheinen, dazu zählt zum Beispiel Furcht und solche Fähigkeiten, die vor allem auf das soziale Miteinander ausgelegt sind, wie zum Beispiel Scham und für die komplexere kognitive Fähigkeiten nötig sind. Das Sprechen von Gefühlen bei Pflanzen ist damit schon von vornherein sehr ungenau, in der Regel polemisch und alles andere als wissenschaftlich. Eine solche unsaubere Begriffsverwendung hilft also in der Klärung der Frage nicht weiter, ganz im Gegenteil. Was sie aber macht, ist, die Macht der Sprache zu nutzen, um bestimmte Wertungen zu übertragen und den Leser so unbewusst zu beeinflussen. (Lesetipp dazu: http://www.zeit.de/2016/10/sprache-manipulation-elisabeth-wehling).
Wichtig ist: Gefühle aber auch Emotionen sind eben nicht einfach das Gleiche wie Empfindungen oder Empfindungsfähigkeit. Die korrigierte Frage der Autoren ist also: „Sind Pflanzen empfindungsfähig?”

Bevor wir diesen Punkt näher beleuchten, nehmen wir an, dass die Autoren recht haben. Pflanzen sind empfindungsfähig. Dann ist es selbstverständlich naheliegend, ein Vielfaches an Pflanzen an ein Tier zu verfüttern, und dann das Tier zu töten und es mit weiteren Pflanzen zu essen. Wären die Autoren konsequent, müssten sie zugeben, dass die Annahme der Empfindungsfähigkeit erst Recht für den Veganismus spricht, da auf diese Weise ein Vielfaches an Pflanzen (und zusätzlich Tiere) vernichtet werden.
Prüfen wir die Argumentation des Punktes. Schon der erste Satz hat es in sich: „Wer die Leidensfähigkeit zum Maßstab seiner Moral erhebt, darf Pflanzen nicht übergehen, bloß weil diese kein zentrales Nervensystem haben“.

Pflanzen haben auch Gefühle! Oder?
„Fun“-Fact: Pflanzen haben kein zentrales Nervensystem

Doch, selbstverständlich darf jemand, dem es primär um das Leiden geht, jene Lebewesen übergehen, die nicht leiden können bzw. nicht mit den entsprechenden Rezeptoren ausgestattet sind, die es ermöglichen, Empfindungsfähigkeit zuzuschreiben. Wenn Leidens- bzw. Empfindungsfähigkeit das entscheidende ethische Kriterium ist, dann beginnt die ethische Berücksichtigung dort, wo jemand leidet bzw. empfindet. Aber was könnte helfen, wenn die Fakten der Biologie gegen die eigene Position sprechen? Man führt theologische Argumente ins Feld.
Dem Veganismus wird oft unterstellt, eine Religion zu sein. Aber die Autoren sehen offenbar kein Problem darin, Pflanzen eine Seele zuzugestehen. Mit Hinblick auf das Buch „Der Ruf der Rose“ schreiben sie: „Das Opus schließt mit der weisen Einsicht: Pflanzen haben eine empfindsame Seele“. Wenn einem ein Argument passt, dann ist es egal, wie schlecht begründet es ist, und scheinbar ist es auch egal, dass „empfindsame Seele“ ein Widerspruch in sich ist, da der Begriff der Seele theologisch an die Immaterialität derselben gebunden ist. Wie sie mit der Seele der Pflanzen umgehen sollen, wissen die Autoren selber nicht so richtig. Im Gegenzug nämlich versuchen sie jene Veganer*innen und Vegetarier*innen ad absurdum zu führen, die den Pflanzen ein „Schöpfungsrecht” einräumen. Dieses den Pflanzen zu verwehren, so die Autoren, ist inkonsequent, da Pflanzen durchaus empfindungsfähig seien. Nun wurde schon erwähnt, dass eine Seele eben nicht an Empfindungen gebunden ist. Weiterhin gibt es keinen zwingenden Grund, Pflanzen eine Seele zuzuschreiben, wenn man Tieren eine Seele zuschreibt. Das sind theologische Fragen, die an dieser Stelle (und auch nicht im Buch) erörtert werden können. Am wichtigsten aber ist, dass die wenigsten veganen und vegetarischen Personen sich auf eine theologische Begründung berufen und dieses Argument wieder einmal ein Scheinargument ist (und, wie bereits gezeigt, trotzdem den Veganismus zur Konsequenz hätte im Angesicht der Pflanzenvernichtung durch „Nutztiere”).
Die Leidensfähigkeit von Wirbel- und besonders Säugetieren, also die überwiegende Mehrheit der Tiere, die wir nutzen und töten, ist wissenschaftlicher Konsens. Die Physiologie (zentrales Nervensystem), das Verhalten (bei Schmerzempfindung) und die gleiche evolutionäre Entwicklungsgeschichte sind hinreichende Gründe, um Wirbeltieren Schmerzen zuzugestehen, die Pflanzen nicht zuzuschreiben sind.

Pflanzen sind in der Tat beeindruckende Lebewesen, die deutlich stärker auf ihre Umwelt reagieren, als wir gemeinhin annehmen. So konnte in Laborversuchen tatsächlich festgestellt werden, dass Pflanzen auf Verletzungen ihrer Blätter reagieren indem sie Abwehrstoffe produzieren. Und nicht nur das: sogar benachbarte Pflanzen reagierten auf die Verletzung und produzierten ihrerseits Abwehrstoffe. Das ist schlichtweg beeindruckend und nur eine von vielen verborgenen Fähigkeiten, die wir Pflanzen nie zuschreiben würden.
Im Gegensatz zu Pollmer, Keckl und Alfs haben die Wissenschaftler*innen jedoch nicht einfach daraus geschlossen, dass Pflanzen Gefühle oder Empfindungen haben, sondern forschten weiter. Wenn das entsprechende Blatt bei der Verletzung isoliert wurde (durch Plastikfolie abgehängt), dann stellten die Wissenschaftler*innen fest, dass benachbarte Pflanzen davon nichts mehr mitbekamen – nicht einmal die betreffende Pflanze reagierte auf die Verletzung des eigenen Blattes. Es handelt sich dabei schlichtweg nur um eine biochemische (aber dadurch nicht weniger faszinierende) Reaktion. Das Verhalten der Pflanzen mag zwar beeindruckend sein, hat aber nichts mit Gefühlen oder Empfindungen zu tun, so wie wir sie verstehen. Das ist aber ein Thema, dem wir einen eigenen Artikel widmen wollen. Wer im Vorfeld schon mehr darüber wissen möchte, dem sei das Buch „Was Pflanzen wissen” von Daniel Chamovitz empfohlen.

Da also die Autoren für ihre Behauptungen auch hier keine Belege liefern, muss die Rhetorik den fehlenden Inhalt ersetzen: „Der Schmerz habe bei Pflanzen keinen evolutionsbiologischen Sinn, da Pflanzen nicht fliehen könnten, lautet die merkwürdige Begründung”. Weil einem die Argumente nicht passen, bezeichnet man sie als „merkwürdig”. Bei der geneigten lesenden Person wird schon die richtige Wirkung hängenbleiben. Doch wir erfahren noch mehr: Korallen „haben Nerven wie alle anderen Tiere auch”. Und diese sind bekanntlich angewachsen und können nicht fliehen. Im Umkehrschluss bedeutet das natürlich, dass Fluchtreaktionen nicht als Flucht vor Schmerzen interpretiert werden können. Wirklich ein sehr sauberer logischer Schluss!
Weiterhin ist es offenbar nicht der Rede wert, von allen genaueren Bestimmungen zu abstrahieren und Leid empirisch homogen zu behandeln. Wenn Leid entscheidend ist, so das implizite Argument der Autoren, dann ist es egal, ob es Unterschiede im Leiden gibt. Das Leiden eines Schweins ist dem Leiden eines Salates gleichzusetzen. Denn Leid ist Leid! Dennoch ist es aber ungeheuerlich, dass die Autoren die Tierhaltung durch das „Leiden” von Salaten rechtfertigen wollen. Hier zeigen die Autoren wieder unmaskiert ihr speziesistisches und totalisierendes Denken: Den Menschen entheben sie aus der Natur und bestimmen alle Tiere und Pflanzen unter dem Begriff des Leidens gleich. Sie zeigen nicht nur, dass sie den Ansatz des Veganismus, der durchaus verschiedene ethische Bewertungen von Lebewesen anerkennt, nicht verstanden haben, sondern auch, dass differenzierendes Denken nicht ihre Stärke ist. In der Logik der Autoren besteht kein Unterschied darin, ob man ein Schwein schlachtet, einen Fisch ersticken lässt, eine Mücke zertritt oder eine Banane isst. Und nicht mal in dieser Absurdität sind sie konsequent, müssten sie doch auch fragen, ob nicht auch Pilze oder Bakterien empfindungsfähig sind (oder eine Seele haben…).

Da die Autoren wahrscheinlich selber wissen, wie schwach dieses Kapitel ist, müssen sie sich wieder in Polemik und falsche Analogien stürzen. Was lustig sein soll, ist letztlich peinlich, alt und verharmlosend: „Sie [die Frutarier] legen ihre Finger in die Wunden der Veganer und beweinen das Leid des Gemüses, wenn der Kohlkopf mit dem Gemüseschlachtmesser brutal von seinem Strunk geschnitten wird”. Die Ausdrücke „Schlachtung” und „brutal” sind in diesem Zusammenhang vollkommen fehl am Platz, und trotzdem sind die Autoren sich nicht zu schade, das Leiden von Tieren durch diesen Kategorienfehler zu relativieren.

Lesetipps:

Jutta Stalfort: Die Erfindung der Gefühle. Eine Studie über den historischen Wandel menschlicher Emotionalität (1750-1850), Bielefeld 2013.

Christian von Scheve: Emotionen und soziale Strukturen. Die affektiven Grundlagen sozialer Ordnung, Frankfurt am Main 2009.

Sebastian Ernst: Ärgerliche Räume und Räume der Ergötzlichkeit als Fühlräume und gefühlte Räume – emotionale Topografien zwischen Ordnung und Aneignung der Welt in der Frühen Neuzeit, voraussichtl. Erscheinungstermin 2017.

Daniel Chamovitz: Was Pflanzen wissen, 2013

Sechste Tür des Adventskalenders

Hier geht es zur sechsten Tür des Adventskalenders:
Unbarmherzig: Wie Tierphilosophen gegen die Lebensfreude zu Felde ziehen

Kommentar verfassen