Adventskalender „Don’t go Pollmer!“ Tür 3: „Endlösung: Alle Nutztiere müssen abgeschafft werden, weil sie leiden“

Adventskalender „Don’t go Pollmer!“ Tür 3: „Endlösung: Alle Nutztiere müssen abgeschafft werden, weil sie leiden“

Kurzzusammenfassung

Die Autoren sind der Auffassung, dass nach der Befreiung der Nutz-/Haustiere eben diese nicht mehr existieren würden. Die Autoren argumentieren, dass bei den Nutztieren ja noch nicht Schluss sein müsse. Wer einmal die Abschaffung der Nutztiere ins Auge gefasst hat, könnte doch gleich alle Kreaturen in den „Genuss der Abschaffung“ kommen lassen. Denn die Wildnis sei kein Streichelzoo. Nach Abschaffung aller Raubtiere würden sich die Pflanzenfresser ungehindert vermehren und letztlich an Seuchen oder Hunger sterben.

Ihr wisst nicht worum es geht? Hier geht es zur Einleitung und hier geht es zur zweiten Tür des Kalenders „Wahn: Berühmte Vegetarier sind moralische Vorbilder„.

„Endlösung: Alle Nutztiere müssen abgeschafft werden, weil sie leiden“

Gleich eins vorweg: Auch hier sind sich die Autoren wieder nicht zu Schade, nationalsozialistische Begriffe für ihr Anliegen zu missbrauchen. Der Vergleich des Anliegens von Tierrechtlern zur Befreiung von Unterdrückung und Leid mit der „Endlösung“ der Nazis, ist an Relativismus, Beschönigung und Abscheulichkeit kaum zu überbieten.
Daneben taucht aber auch ein weiterer alter Bekannter auf: das Argumentum ad consequentiam. Würde alle Tierausbeutung beendet, so gäbe es viele Haustierarten kaum oder gar nicht mehr, denn diese seien in „freier Natur“ nicht überlebensfähig. Das ist richtig, nur eben erneut nicht zu Ende gedacht. Denn der Grund dafür liegt darin, dass diese durch den Menschen entsprechend gezüchtet worden sind. Dies aber impliziert eine Verantwortung und kein Nutzungsrecht. (Dazu in einem späteren Artikel mehr).
Gerade jene besondere Verantwortlichkeit übersehen die Autoren, wenn sie danach witzeln, dass der Mensch sich doch auch um Tiere in der „freien Wildbahn“ kümmern müsse. Diese sei nämlich auch keine „Amüsiermeile“. Wölfe seien ebenso „Täter“. Trotz der angeblichen Verweigerung der Vermenschlichung, betreiben die Autoren diese immer dann ganz ausgezeichnet, wenn es ihnen in den Kram passt, ganz genauso wie die Relativierung von Naziverbrechen.

Ausrottung der Wildtiere zwecks Leidvermeidung?
Der Wolf – ein Täter?

Dass es sich nun um eine andere Ebene der Verantwortlichkeit handelt, wie sie mit Verweis auf Hilal Sezgin feststellen, wird beiseite gewischt. So wird der Unterschied zwischen Tun und Unterlassen ebenso ignoriert, wie auch eine Unterscheidung in moralische Subjekte, also solche Wesen, die zu abstrakter Moral und ethischen Überlegungen fähig und damit auch verantwortlich sind und jenen, die moralische Objekte sind, also Wesen, die zwar selbst nicht fähig zu jener Moral sind, trotzdem aber von dieser betroffen und bspw. aufgrund ihrer Leidensfähigkeit zu beachten.
Stattdessen wird darüber gesprochen, dass auch die Wiederansiedlung von Wölfen falsch sei, da dies Leid bedeute, nur um im nächsten Moment genau das Gegenteil, nämlich die Einflussnahme auf wildlebende Tiere als absurd anzuführen, zumindest sofern es um etwas anderes als das Jagdwesen geht, denn diese Einflussnahme sei wiederum gut. Statt sich also dezidiert mit dem Thema zu befassen, werden auch hier wieder zentrale Unterscheidungen und Differenzierungen übergangen, damit die Autoren sich in der Lächerlichmachung einiger extremer Gedankenspiele wie der Abschaffung aller Raubtiere durch „die vegane Hand des Todes” verlieren können. Am Ende bleibt das Fazit: Die Abschaffung der Veganer wäre die einzig sinnvolle Leidverhinderung, denn nur Veganer leiden im Angesicht einer Schlachtung.

Die Autoren verwenden ein Dammbruchargument, d.h. unterstellen, dass die Berücksichtigung des Leidens der Nutztiere dazu führen muss, auch Wildtiere aussterben zu lassen. Sie beweisen wieder einmal, dass differenziertes Denken nicht ihre Stärke ist. Die Frage nach dem Umgang mit Wildtieren, insbesondere Raubtieren, hat ihre Berechtigung. Sie ergibt sich aber nicht aus der Auffassung, dass es richtig ist, Nutztiere (von denen jährlich über 60 Milliarden getötet werden) nicht mehr zu züchten und damit aussterben zu lassen. Es besteht ein fundamentaler Unterschied darin, ob ein Tier extra gezüchtet wird, um es dann zu nutzen und/oder zu töten oder ob ein wild lebendes Tier aktiv getötet wird. Natürlich fehlt auch der Verweis auf die Jagd nicht, die zu einer Verminderung des Tierleides geführt habe. Die Autoren behaupten, dass durch die Jagd keine Tiere zu Tode gehetzt würden, was entweder eine Unwissenheit darstellt oder einfach nur eine bewusste Lüge ist, sollten den Autoren doch die Formen der Treib- und Drückjagd bekannt sein. Dass Jäger*innen Tiere aktiv füttern, um den Bestand künstlich hochzuhalten, und dass die Wildbestände seit Jahren kaum oder nicht zurückgehen, teilweise sogar zunehmen, findet selbstverständlich keine Erwähnung. Vielmehr wird die Angst vor einer Invasion der Pflanzenfresser beschworen, die alle sterben werden, wenn sie keine natürlichen Feinde mehr haben (die dann natürlich ebenfalls „reguliert” werden müssten).
Aber das Dammbruchargument macht nicht bei Wildtieren halt. Die Autoren kennen den Veganismus besser als die Veganer*innen selbst. Sie konstatieren: „Doch reicht es zur Leidbegrenzung, wenn alle Säugetiere durch die vegane Hand des Todes ihrem Ende entgegensehen? Aus veganer Sicht gibt es eine riesige Zahl von Lebewesen, die angeblich kein Leid empfinden: Insekten, Spinnen- und Weichtieren wird die Empfindung von Schmerz nach wie vor abgesprochen. Aber vielleicht mangelt es den Veganern einfach nur an Phantasie, sich in Wesen hineinzuversetzen, die kein Fell und keine Knopfaugen haben? Wer das Leid ein für allemal beseitigen will, sollte auf Nummer sicher gehen und gleich die gesamte lebendige Welt abschaffen. Auf dem Mond gibt es kein Leid, weil es dort kein Wesen gibt, das leiden könnte.” Wir danken den Autoren für diese erhellende Einsicht und werden zukünftig die entsprechenden lebensverachtenden Konsequenzen daraus ziehen. Nicht etwa, dass der Begriff des Leidens komplex, empirisch differenziert zu betrachten und von Gefühlen und Empfindungsfähigkeit abzugrenzen ist. Ach was! Solange Veganer*innen nicht für die Rechte von Spinnen und Schalentieren auf die Straße gehen, können wir auch weiterhin jährlich über 60 Milliarden Schweine, Rinder, Hühner, Enten, Puten und Gänse schlachten! Nicht, dass die Autoren eine petitio principii begehen würden – also voraussetzen, was erst noch zu begründen ist: Dass Insekten, Spinnen- und Weichtiere empfindungsfähig sind. Dass dem nicht so ist, haben sich nämlich Veganer*innen einfach nur ausgedacht, während es in der Wissenschaft schon lange eindeutig belegt ist, dass genannte Tiere empfindungsfähig sind. Darum können die Autoren auch auf etliche Quellen verweisen, die diese These unterstützen. Und wer davon nicht überzeugt ist, dem gibt das Wort „angeblich” die letzte Überzeugungskraft. Wer kennt sie nicht, die Veganer*innen, die auf der Suche nach Spinnen und Käfern sind, um sie zu töten? Nicht so, dass Veganer*innen ein erhöhtes Bewusstsein für Leben aller Art hätten und Spinnen und Käfer lieber raustragen, als zu töten. Nein, die Autoren wissen besser, dass nur jene Tiere berücksichtigt werden, die Knopfaugen haben. Darum basiert der Veganismus auch nicht auf dem Prinzip der Berücksichtigung der Interessen aller empfindungsfähigen Lebewesen, sondern auf dem Prinzip der Berücksichtigung aller knopfaugigen Lebewesen. Wer hässlich und eklig ist, hat bei uns Veganer*innen einfach schlechte Karten.

Auch in diesem Kapitel zeigen die Autoren wieder einmal ihren Hang zur Gewalt und ihren Mangel an jeglicher Empathie. Das Mitleid (bzw. die Fähigkeit, Gefühle anderen gegenüber haben und darüber reflektieren zu können), ohne das keine Gesellschaft und Gemeinschaft stabil funktionieren kann, wird zum „Weltschmerz-Gejammer” stilisiert. Man fragt sich freilich, was für Menschen die Autoren sein müssen, wenn ihnen das Leiden von Tieren so egal ist. Selbstverständlich bleiben sie aber auch hier des Nachweises schuldig, wo in Foren von Veganern empfohlen wird, „endlich mal die Jagd auf Menschen zu eröffnen”. Sie sind sich dabei auch nicht zu schade, ein paar Kapitel später (Kapitel 54) zu skandieren, dass die beste Möglichkeit zur Leidvermeidung wäre, sich einen Veganer zu braten.

Lesetipps

Gruen, Arno: Dem Leben entfremdet: Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden. 5. Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta 2014.
Horstmann, Ulrich: Das Untier. Warendorf: Hoof 2005. (Online unter URL: http://untier.de/pdf/Ulrich-Horstmann-Das-Untier.pdf ; letzter Zugriff: 03.12.2016)
Schmitz, Friederike (Hrsg.): Tierethik. Grundlagentexte, Berlin 2014.
Wolf, Ursula: Das Tier in der Moral, Frankfurt am Main 1990.

Vierte Tür

Hier geht es zum vierten Türchen des Adventskalenders:
Irrtum: Vegetarismus ist eine Ernährungsweise

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