Adventskalender „Don’t go Pollmer!“ Tür 23: „Versöhnungsdusel: Das Vermeiden von Leid eint Tier und Mensch“

Adventskalender „Don’t go Pollmer!“ Tür 23: „Versöhnungsdusel: Das Vermeiden von Leid eint Tier und Mensch“

Kurzzusammenfassung

Heute lernen wieder einmal von @Udo Pollmer und Co, dass wir einpacken können. Es hat alles keinen Sinn. Wir sollten die Tierrechtsplakate endlich und endgültig beiseite packen und uns um die Sachen kümmern, die tatsächlich Leid verursachen – denn Leidenschaft Leiden schafft.
Welche Sachen könnten das sein? Natürlich das Naheliegende: die Kastration von Platzhirschen, denn die leiden nach der Brunftzeit „unter extremer Auszehrung“. Also: schnipp schnapp. Außerdem wären da noch „Pubertät und erste Verliebtheit“ abzuschaffen, denn Teenies leiden bekanntermaßen unter Liebeskummer. Wir sollten Jugendliche endlich „zu Enthaltsamkeit und veganer Mangelkost verdonnern, damit sie gar nicht erst auf dumme Gedanken kommen“.
Das klingt ganz fürchterlich abstrus? Habt ihr denn etwas anderes erwartet? J @Udo Pollmer und Co beweisen abermals, dass sie den Tierrechtsgedanken keineswegs verstanden haben, noch verstehen wollen. Ihnen geht es einzig allein um den Status Quo, den sie scheinbar mit allen Mitteln erhalten wollen.
Seid gespannt auf den vorletzten Beitrag zum gelungensten Veganismus-Buch aller Zeiten. Ob der Hirsch auf dem Bild sich aus Kastrationsangst oder vor der pollmerschen Argumentation versteckt, ist noch nicht genau ergründet.

Kommt auch heute mit ins phantasiereiche Land „Pollmeria“ und lest unseren 23. Beitrag zum gelungensten Veganismus-Buch des Jahres 2015: „Don’t Go Veggie!“

Ihr wisst nicht worum es geht? Hier geht es zur Einleitung und hier geht es zur 22. Tür des Kalenders „Rechenfehler: Die Massentierhaltung führt zu immer höheren Tierzahlen„.

„Versöhnungsdusel: Das Vermeiden von Leid eint Tier und Mensch“

Merke: Pubertät ist wie Massentierhaltung – genauso unangenehm und genauso notwendig

Laut Pollmer und seinen Mitautoren haben Tiere zwar ein Interesse daran, nicht zu leiden, aber dieses Interesse sei nicht mit dem Interesse eines Menschen gleich zu gewichten, also eben kein gemeinsames Interesse. So habe auch der „Räuber“ ein Interesse am Geld in der Brieftasche des Tierrechtlers, so die Autoren, dieses sei aber eben kein gemeinsames Interesse. Das Interesse des Räubers an der Brieftasche des Tierrechtlers kollidiert mit dem Interesse des Tierrechtlers an dessen Brieftasche. Man ziehe also nicht an gemeinsamen Strang, bloß weil man ein gemeinsames Interesse habe oder sich leiden könne. Es müsse also eine Gewichtung geben. Bleiben wir bei dem Beispiel der Autoren, die augenscheinlich das Prinzip der Interessenabwägung nicht verstanden haben. Dieses lautet, dass gleiche Interessen erst einmal grundsätzlich gleich zu bewerten sind, unabhängig davon, zu welcher Spezies ein Individuum gerechnet wird. Gleiches gilt auch für Faktoren wie Hautfarbe oder Geschlecht. Die Frage wäre hier also auch, ob die Autoren die gleichen Einwände gegen Rassismus und Sexismus vorbringen würden. In der Konsequenz ihrer eigenen Argumentation müssten sie es wohl. Das bedeutet nun jedoch nicht, dass es keine Unterschiede in der Gewichtung der Interessen geben kann, nur dürfen diese eben NICHT einfach durch die bloße(!) Spezieszugehörigkeit oder durch falsche Vorstellungen von Fähigkeiten oder Eigenschaften dieser Spezies gerechtfertigt werden. Auch können in der Diskussion weitere wichtige Unterscheidungen und Faktoren hinzutreten, wie der Unterschied zwischen intendierten und nicht-intendierten Folgen, die erst in der Gesamtschau dann moralische Regeln rechtfertigen. Das Prinzip der gleichen Interessenabwägung kann ein(!) Baustein einer reflektierten Ethik, bzw. Moral sein.

Mit dem Beispiel der Brieftasche glauben die Autoren nun aufzeigen zu können, dass es entgegen des Prinzips der gleichen InteressenABWÄGUNG doch Wertigkeiten von Interessen gibt, die dieses Konzept allerdings ja eben nicht leugnet. Aufgrund dieser verschiedenen Wertigkeit von (gleichen) Interessen, könne der Konflikt in der Abwägung von Räuber und Opfer aufgelöst werden. Da die Autoren dies in ihrem Buch aber nur implizit behaupten und nicht ausführen, soll dies hier einmal getan werden, denn auf diese Weise zeigen sich einige Denkfehler von Pollmer und Co. Die meisten Menschen würden wohl sagen,  dass das Interesse des Räubers in diesem sehr einfachen Beispiel weniger zählt. Aber ist es denn wirklich ein gleiches Interesse? Nur wenn man ein sehr primitives Verständnis des Prinzips hat. Denn der Tierrechtler hat das Interesse, die Brieftasche zu behalten, während der Räuber sie entwenden möchte. Er nimmt dem Tierrechtler also etwas weg. Ohne dessen Willen und Zustimmung. Wir haben es also genau genommen eben nicht mit einem gleichen Interesse zu tun. Das gleiche Interesse wäre hier der Wunsch beider, etwas, das ihnen gehört und das sie nicht freiwillig hergeben wollen, behalten zu können. Und dieses ist im Rahmen des Konzeptes gleich zu behandeln, egal, welches Geschlecht, welche Hautfarbe oder auch welche Spezies derjenige oder diejenige hat, dem oder der etwas weggenommen werden soll.
In diesem Sinne haben beide also auch ein solches gemeinsames Interesse, nämlich das, dass dieses Interesse und die daraus folgende Regel berücksichtigt werden.

Laut Pollmer und Co haben beide Herren auf dem Bild das selbe Interesse am Geld. Also: kein Problem.

Nehmen wir ein anderes Beispiel, das vielleicht auch den Autoren einleuchtet. Ein Mörder will einen Menschen töten, der  nicht  möchte. Hier dürfte der Fall klarer sein. Beide sind mit je eigenen Interessen an einer sie verbindenden Interaktion beteiligt, ganz wie im Beispiel zuvor. Das Interesse am Leben zu bleiben und nicht ermordet zu werden, wird dabei von der Allgemeinheit in der Regelhöher eingestuft. Ausnahmen gibt es meist nur bei besonders grausamen Gewaltverbrechen und Kindermorden, wo häufig Selbstjustiz gefordert wird, da die Todesstrafe abgeschafft wurde., Das Prinzip der Interessenabwägung sagt für sich nichts darüber aus, welche unterschiedlichen Interessen höher oder niedriger gewichtet werden sollen. Das nennt man ein universelles Prinzip. Der Mörder selbst würde  auch nicht ermordet werden wollen und dieser Höhergewichtung sogar zustimmen – sobald er selbst betroffen ist. Da sein Interesse zu Leben nun aber nicht höher gewichtet werden kann, bloß weil er zum Beispiel bestimmte äußere Merkmale wie Geschlecht oder gesellschaftlicher Status aufweist, wäre sein Handeln bereits aus diesem Grund moralisch falsch. Hinzu können weitere Gründe treten, wie eben jener, dass ein aktives Handeln, das die Interessen von jemand anderem negativ beeinträchtigt schon grundsätzlich größerer Rechtfertigung bedarf oder dass bestimmte Interessen wie jenes am eigenen Leben, gar nicht zur Disposition stehen dürfen.

Da aber nur Menschen als moralische Subjekte fähig sind, ihr Handeln zu reflektieren und moralische Regeln zu entwerfen und einzuhalten, können auch nur Menschen zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie gegen die berechtigten Interessen anderer handeln. Aus diesem Grund sind alle weiteren, insbesondere alle tierlichen Beispiele obsolet, denn diese setzen voraus, dass auch nichtmenschliche Tiere zur Reflexion ihres Handelns fähig wären oder aber Alternativen hätten (Löwen in der Savanne können nicht in einem Supermarkt einkaufen). Derartige Beispiele verdeutlichen nur das Unverständnis der Autoren zeigen, und führen deren Argumentation ad Absurdum.

Das Prinzip der Interessenabwägung kann also nur für jene gelten, die über die Interessen anderer nachdenken können. Dieses muss dann aber Allgemeingültig sein. Andernfalls ließen sich  abscheuliche Dinge wie Sexismus und Rassismus rechtfertigen, denn diese Diskriminierungsformen basieren im Kern auf der Idee, dass aufgrund willkürlicher Zuordnungen und Merkmale, die Interessen mancher mehr oder weniger wert oder sogar kategorisch ausgeschlossen sind.
Das Interesse einer Person, die gerne ein Schweinesteak essen möchte, ist aus diesem Grund nicht mit dem Interesse eines Schweins, am Leben zu bleiben und nicht zu leiden, gleichzusetzen. Es steht hier nicht ein gleiches Interesse zur Disposition, sondern zwei: das desjenigen, der leidet und stirbt, daran nicht zu leiden und zu sterben und das desjenigen, der sich unkritisch und ohne Rücksicht auf die Interessen des Anderen einem bestimmten geschmacklichen Erlebnisses hingeben will.

Ein letzter Versuch, das eigene Unverständnis zu kaschieren besteht darin, den Utilitarismus, also ein(!) Konzept der Auslegung des gleichen Interessenprinzips zu diskreditieren. So könne man Leid nicht einfach aufrechnen. Das ist richtig. Dies aber macht auch keine moderne Form des Utilitarismus mehr so. Das ist ein Argument aus der Anfangszeit des Utilitarismus, als dieser als neue Idee noch ganz am Anfang stand. Wenn schon auf Singer verwiesen wird, hätte auch seine Auseinandersetzung mit diesem Einwand zur Sprache kommen müssen. Oder eine der anderen Schriften zu diesem Thema, wie etwa jener von Singers Lehrer Richard Mervyn Hare.

Der letzte Versuch bemächtigt sich der Floskel, dass kein Leben  je ohne Leiden sei. Auch dieses Beispiel wird wieder so weit vereinfacht, bis es  zum bereits feststehenden Urteil der Autoren passt. Bloß weil Leben immer auch Leiden bedeutet, ist nicht jedes Leid gerechtfertigt. Oder wolle man etwa, wie die Autoren witzeln, die Pubertät abschaffen, bloß weil in dieser Phase für viele mit leidvollen Erfahrungen verbunden ist? Aber denken wir diesen Gedanken weiter. Dann stellt sich die Frage, warum es in den meisten Ländern ein Folterverbot gibt,  wenn Leben sowieso immer mit Leiden verbunden sei. Weil es eben nicht das Gleiche ist! Auch wenn mangels konsistenter Argumente versucht wird, genau dies zu suggerieren. „Des einen Freud ist des andern Leid“ ist der zynische Schlusssatz der Autoren, um deren unreflektierten Verteidigungsversuch „Ist ebenso“ abzuschließen. Offen bleiben die Fragen, ob die drei Autoren ihrem Grundsatz auch treu blieben, wenn sie selbst die Benachteiligten des von ihnen propagierten Systems wären.

Letztlich sprechen die Autoren aus  ihrer privilegierten  Position heraus und machen genau das, was dem Veganismus oft vorgeworfen wird: er sei ein Wohlstandsphänomen. Keiner der Autoren muss Hunger leiden oder wird aufgrund von Hautfarbe oder Geschlecht diskriminiert. Aus dieser erhabenen Position heraus schwadronieren sie über das Leid von Tieren. Dabei wusste schon Schopenhauer:

„Man muß wahrlich an allen Sinnen blind sein […], um nicht zu erkennen, daß das Wesentliche und Hauptsächliche im Thiere und im Menschen das Selbe ist […]“
(Schopenhauer, Arthur: Preisschrift über die Grundlage der Moral. In: Lütkehaus, Ludger (Hg.): Arthur Schopenhauer – Werke in fünf Bänden. Band III. Zürich: Haffmanns Verlag AG 1988, S. 598.)

Lesetipps

Ursula Wolf: Das Tier in der Moral, Frankfurt am Main 1990.
Wolf, Ursula (Hrsg.): Texte zur Tierethik, Stuttgart 2008.
Peter Singer: Praktische Ethik, erw. Aufl., Stuttgart 2013.
Richary Mervyn Hare: Moralisches Denken. Seine Ebenen, seine Methode, sein Witz, Frankfurt am Main 1992.

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