Adventskalender „Don’t go Pollmer!“ Tür 2: „Wahn: Berühmte Vegetarier sind moralische Vorbilder“

Adventskalender „Don’t go Pollmer!“ Tür 2: „Wahn: Berühmte Vegetarier sind moralische Vorbilder“

Kurzzusammenfassung:

Die Autoren nennen berühmte Persönlichkeiten, die angeblich Vegetarier waren und abscheuliche Verbrechen verübt haben. Die Autoren ziehen daraus den Schluss, dass bei einem Verbot der Wiederbelebung nationalsozialistischer Gedankengutes auch der Vegetarismus zum Kreis der Verdächtigen gehören und näher betrachtet werden solle. Es wird auch am Geist von VeganerInnen/VegetarierInnen gezweifelt, da sie als berühmte VegetarierInnen unter anderem auch Lisa Simpson und Spock aus Star Trek anführen.

Ihr wisst nicht worum es geht? Hier geht es zur Einleitung und hier zur ersten Tür des Adventskalenders: „Total Banane: Menschenrechte für Menschenaffen„.

„Wahn: Berühmte Vegetarier sind moralische Vorbilder“

Das „Hitler-war-Vegetarier-Syndrom”.

Auch wenn die Autoren um Pollmer das Autoritätsargument ablehnen, sind sie sich nicht zu schade, es auch selbst anzubringen. Konsequenz? Fehlanzeige.
So bemerken sie im 3. Kapitel, dass es durchaus auch berühmte Vegetarier gäbe, die hin und wieder als Aushängeschild gebraucht werden aber alles andere als moralische Vorbilder seien. Ebenso gäbe es eine ganze Reihe an Vegetariern, die nie auf Listen auftauchen. Dazu zählen auch Hitler, Heß und andere Nazis. Woher die Autoren diesen Mythos haben, welche Belege es dafür gäbe und inwieweit hier ein „echter” Vegetarismus vorliege und nicht so ein „Schein-Vegetarismus” des „Säufers” Tesla, verschweigen sie freilich wieder. Vielleicht haben sie sich hier einfach heimlich der „Googlebildung” bedient, die sie Vegetarier*innen ja gern unterstellen.

Nikola Tesla
Nikola Tesla – berühmter Physiker, Erfinder, Elektroingenieur und scheinbar Tischgenosse Pollmers, Keckls und Alfs

Hinzu kommt, dass von den meisten Diktatoren gar nicht bekannt ist, ob sie vegan oder vegetarisch gelebt haben oder nicht. Da eine vegane oder vegetarische Lebensweise ein Distinktionsmerkmal ist und in einer fleischessenden Gesellschaft gerechtfertigt werden muss, ist davon auszugehen, dass die meisten Diktatoren keine Vegetarier oder Veganer gewesen sind. Im Gegenteil finden sich bei vielen Diktatoren auch Verbrechen gegen Tiere: So ließ Mao Millionen Spatzen töten und Ceauşescu war passionierter Jäger. Das wiederum passt aber wohl nicht ins Bild der Autoren.
Um bei dem Einwand der Autoren zu bleiben, könnte man daher auch die Frage stellen, warum es denn im Rahmen ihrer eigenen Argumentation nicht eher ein Argument gegen das Fleischessen sei, wenn viel mehr Nazis Fleischesser waren als Veganer oder Vegetarier.

Davon abgesehen ist es aber völlig unerheblich, ob einer dieser Herren Vegetarier war oder ob es generell Personen gibt, die sowohl Vegetarier*innen sind, als auch Rassist*innen, Sexist*innen, usw. Zumindest was die Berechtigung von Vegetarismus und Veganismus angeht. Weder die Inkonsequenz, noch irgendwelche menschenverachtenden Ansichten einzelner sich vegetarisch oder sich vegan ernährender Personen ändern etwas daran, ob der Veganismus moralisch geboten oder gerechtfertigt ist. Ein Mensch kann gut und schlecht sein, gleichzeitig. Darüber hinaus übersehen die Autoren hier einen Einwand, den sie selbst später bringen werden. Veganismus als ethische Entscheidung ist eben keine reine Ernährungsform, keine Diät. Er ist in seiner Konsequenz eben nicht vereinbar mit Rassismus und Sexismus. Wer Rassist*in oder Sexist*in ist, kann sich vielleicht vegan oder vegetarisch ernähren, aber das hat nichts mit dem Veganismus oder Vegetarismus als ethischer Idee zu tun.

Darüber hinaus kann das in diesem Einwand vorgestellte Konzept moralischer Vorbilder generell auch als Misskonzept bezeichnet werden. Moralisches Vorbild zu sein, muss nicht heißen perfekt oder in allen Bereichen moralisch vorbildlich zu sein. Kein Mensch ist perfekt. Moralische Vorbildwirkung ist daher generell immer nur relativ möglich. Und selbst dann wird die moralische Vorbildwirkung, insbesondere jene von Veganern, vor allem negativ kommentiert. Das Vorbild wird nicht gewollt und sogar als scheinbare Überheblichkeit abgelehnt.
„Du denkst also, du bist das besseres?!“ ist daher eines der Grundvorwürfe gegen Veganer und Vegetarier.
Was aber heisst dieses „Besser-sein”? Zuerst einmal wird übersehen, dass zwischen ethischerem Denken und moralischerem Handeln oder Leben zu unterscheiden ist. Moralischeres Handeln bedeutet erst einmal nichts anderes, als auf einem bestimmten Gebiet oder Kontext auf eine Art und Weise zu handeln, die als moralischer oder moralisch besser bezeichnet werden kann, weil sie weniger egoistisch ist, wohlwollender, fürsorglicher, mitfühlender, usw., je nachdem, wie das definiert werden soll. Ethischeres Denken kann bezeichnet werden als das Denken, das versucht Moralvorstellungen zu hinterfragen, zu begründen, zu legitimieren, also darüber nachzudenken, wie man selbst moralischer handeln könnte und auch dies in der Regel wiederum auf einem bestimmten Gebiet oder in einem bestimmten Kontext. Eine Person kann also in einem der beiden Dinge etwas weiter sein, als eine andere, dafür in dem anderen weniger weit. Wir sind im Prinzip immer auf beiden Ebenen in unterschiedlichen Kontexten weiter oder besser als andere und zugleich in anderen wiederum schlechter. Wir alle sind relativ, auf unterschiedlichen Gebieten, moralisch besser lebend als andere. Wir alle genügen relativ höheren Werten gemessen an ethischen Maßstäben. Das aber bedeutet, dass theoretisch jeder Mensch inspirierend oder vorbildhaft sein kann, je nachdem, um welchen Kontext es geht. Und für den Veganismus gilt dies umso mehr, wenn man im Auge behält, dass er eben nicht auf eine Ernährungsform reduzierbar ist, bei der man nebenbei sicherlich leider auch Rassist*in sein könnte.

Lesetipps

Matthias Lutz-Bachmann: Ethik, Stuttgart 2013, S. 13-26.

Dritte Tür

Hier geht es zum dritten Türchen des Adventskalenders:
Endlösung: Alle Nutztiere müssen abgeschafft werden, weil sie leiden

2 Kommentare

  1. Hans
    Hans

    „Denkst Du, Du seist was Besseres“… da fällt mir eigentlich nur dieser Typ ein, dessen Channel ich damals sogleich abonniert habe:

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