Adventskalender „Don’t go Pollmer!“ Tür 19: „Unmöglich: Der Sojaanbau für die Schweine ruiniert den Regenwald“

Adventskalender „Don’t go Pollmer!“ Tür 19: „Unmöglich: Der Sojaanbau für die Schweine ruiniert den Regenwald“

Kurzzusammenfassung:

In diesem Kapitel wollen uns die Autoren um Udo Pollmer davon überzeugen, dass unser Konsum hier in Deutschland rein gar keine Auswirkungen auf die Regenwaldflächen der Erde hat. Ja… es ist laut Überschrift gar unmöglich, dass es so ist.
Ein kleiner Seitenhieb sei uns hier gegönnt: um die Kritik an der Massentierhaltung lächerlich zu machen, haben die Autoren ein ganzes Kapitel der „Massenkindhaltung“ gewidmet. Sie hätten vielleicht in dieser Phase ihres Lebens besser aufpassen sollen, denn die Argumentation warum es unmöglich ist, zeigt, dass sie scheinbar keine Ahnung von Regenwäldern haben.
Kommt abermals mit auf eine abenteuerliche Reise in die pollmersche Logikkette und lest unseren siebzehnten Beitrag zum gelungensten Veganismus-Buch des Jahres 2015: „Don’t Go Veggie!“

Ihr wisst nicht worum es geht? Hier geht es zur Einleitung und hier geht es zur achtzehnten Tür des Kalenders „Killerphrase: Jäger sind Mörder„.

„Unmöglich: Der Sojaanbau für die Schweine ruiniert den Regenwald“

Dieses Kapitel des Buches ist ein Paradebeispiel für die restlichen Kapitel, in denen Informationen vorenthalten und so in ein falsches Licht gerückt werden. Ob dies nun bewusst passiert oder aus Unwissenheit: es zeugt jedenfalls nicht von einem guten Stil und auch nicht von Interesse an einem offenen Diskurs.

Zunächst behaupten die Autoren einmal, dass es doch Quatsch sei, dass im Regenwald Futtermittel angebaut werden. Immerhin heißt der Regenwald ja Regenwald. Ist doch klar, dass dort nichts wachsen kann, wenn es ständig regnet. Pflanzen brauchen nun einmal bestimmte Trockenzeiten und außer Kaffee- und Teesträuchern würde aus diesem Grund dort ohnehin nichts wachsen.
Das ist eine sehr „interessante“ Behauptung, die sich recht leicht widerlegen lässt. Dafür reichen die Grundkenntnisse, die jede Person aus seiner Zeit in der „Massenkindhaltung“ (Schule) über den Regenwald mitbringt. Diese lassen sich auch sehr leicht auffrischen, in dem eine gängige Suchmaschine verwendet wird. Ich empfehle Ecosia, da kann mensch sich beim Informieren über Bäume sogar gleich noch ein paar retten.

Nun aber zurück zum Regenwald, in dem es ja ständig regnet. Warum das so ist, schauen wir uns nun einmal genauer an.
Jede Person hat schon einmal etwas vom sogenannten Wasserkreislauf gehört. Davon gibt es jedoch nicht einfach nur einen, sondern gleich zwei: den kleinen und den großen. Beschäftigen wir uns zunächst mit dem großen Wasserkreislauf.
Dieser beginnt recht willkürlich auf dem Meer, wo Meerwasser verdunstet und sich Wolken bilden. Diese werden durch einen Druck-/Temperaturunterschied in Richtung Land getragen, wo sie sich abregnen. Das Wasser wird dann zum Teil von den Pflanzen aufgenommen und gespeichert und ein Teil fließt zurück in Richtung Meer, wo der Kreislauf von vorne beginnt.
Neben diesen großen Wasserkreislauf, gibt es noch den kleinen. Der Name ist vielleicht etwas irreführend, da er gar nicht so klein ist. Das „klein“ bezieht sich darauf, dass der Kreislauf viel regionaler ist. Er spielt aber gerade im Regenwald eine enorme Rolle, denn ein Baum kann an einem einzigen Tag fast 1000 Liter Wasser an die Atmosphäre abgeben. Dieses Wasser bildet Wolken, die irgendwann über dem Wald wieder abregnen – der Kreislauf beginnt von vorn. Auf diese Weise zirkulieren fast ¾ der im Wald gespeicherten Wassermengen und genau daher hat der Regenwald auch seinen Namen – er produziert seinen Regen quasi selbst.

Ein Beispiel für den sogenannten „kleinen Wasserkreislauf“. Wasser verdunstet und es bilden sich über dem Wald Wolken bzw. dichter Nebel.

Wird nun der Wald abgeholzt, bleibt vom Wort Regenwald nicht einfach Regen übrig. Denn der kleine Wasserkreislauf wird unterbrochen. Das Wasser wird nicht mehr durch die Pflanzen aufgenommen und fließt ins Meer. Gleichzeitig sinkt der Grundwasserspiegel vor Ort allmählich ab, die Sonnenstrahlen treffen ungehindert auf den Erdboden, die Temperaturen steigen, es wird noch trockener und es regnet insgesamt weniger.
Dieser kurze Ausflug in unsere Kindheitstage (Biologie-Unterricht) sollte gezeigt haben, dass die Behauptung von Pollmer und Co von vornherein schon Quatsch ist. Leider wird sie tatsächlich sehr oft verwendet. Ich kann zur Wiederauffrischung der Grundlagen die Seite Abenteuer Regenwald wirklich sehr empfehlen, die sich an Kinder richtet und daher besonders einfach zu verstehen ist.

In den ehemaligen Regenwaldgebieten wächst aber tatsächlich nicht sonderlich viel – allerdings aus ganz anderen Gründen, wie ich bereits im Artikel „Weltweiter Landbedarf für Tierprodukte“ dargelegt habe. Ich will hier nur noch einmal kurz die offiziellen Zahlen der FAO (Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen) aus meinem Artikel wieder aufgreifen: fast 70 % des ehemaligen Amazonasgebietes sind nun Dauergrünland (werden also für die Tierhaltung verwendet) und auf den restlichen 30 % werden fast vollständig Futtermittel angebaut. Bis heute sind über 600.000 km² Regenwald im Amazonasgebiet gerodet worden. [1] Das sind offizielle Zahlen der FAO, die die Aussagen im Buch Lügen strafen. Doch wozu sollte man sich mit offiziellen Zahlen herumärgern, wenn viel besser ohne solchen Ballast Polemik betrieben werden kann.

Weiterhin behaupten die Autoren, dass Sojamehl nur ein Nebenprodukt der Sojaölproduktion ist. Der Anbau von Sojabohnen würde sich nie und nimmer lohnen, wenn es nur um das Sojamehl gehen würde.
Was die Autoren unerwähnt lassen: eine Tonne Sojabohnen bestehen zu 18 % aus Sojaöl und zu 73 % aus Sojamehl [2]. Sojamehl macht also den größten Anteil an der Sojabohne aus. Sojaöl ist zwar in der Tat teurer, aber durch die Mengenverhältnisse kann der größte Teil des Gewinns tatsächlich mit Sojamehl generiert werden – nach aktuellen Marktpreisen beträgt das Verhältnis 2:1. Der Verkaufserlös durch das Sojamehl ist für den/die LandwirtIn also fast doppelt so hoch! 1

Es ist also höchst fraglich, Sojamehl als Nebenprodukt zu bezeichnen. Nach pollmerscher Art könnten wir genau das Gegenteil behaupten. Übrigens ist Sojamehl so oder so kein Abfall, sondern kann auch direkt vom Menschen konsumiert werden.

Die Autoren bezweifeln darüber hinaus, dass unser Konsum hier überhaupt einen Einfluss auf den untergehenden Regenwald hätte. Ich möchte von einigen noch folgenden Artikeln nicht zu viel vorwegnehmen, denn wir wollen uns noch genauer mit der Futtermittelzusammensetzung und dem sogenannten virtuellen Landimport beschäftigen.
Daher nur sehr kurz: Deutschland belegt im Ausland zur Erzeugung von Tierprodukten eine Fläche von 2,7 Mio ha [5], was in etwa der Fläche Brandenburgs entspricht. Ein Großteil dieser Flächen befindet sich in Südamerika. Wir sind also sehr auf landwirtschaftliche Flächen im Ausland angewiesen, um unser Konsumverhalten zu befriedigen und dieses hat sehr wohl Auswirkungen auf den Regenwald und die Umwelt.

Was die Autoren wohl viel eher meinen, ist, dass ein Mensch alleine ja eh nichts bewirken könne.
Doch ganz im Gegenteil: es gibt kaum effizientere Methoden etwas zu bewirken, als das eigene Konsumverhalten anzupassen. Von jetzt auf gleich können wir ein Zeichen setzen und uns aus einem System ausnehmen, unter denen sowohl Menschen als auch nichtmenschliche Tiere leiden und welches massiv die Umwelt zerstört. Auch die Vorbildfunktion für andere Personen ist nicht zu unterschätzen. Wir sollten es viel mehr so halten, wie es ein chinesisches Sprichwort proklamiert:

“Es ist besser, eine Fackel zu entzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.”

 

1 Berechnung des Preises:

Sojaöl:
Preis pro Tonne: 687,28 €/t [3];
Verkaufserlös: 687,28 €/t * 0,18 t = 124 €

Sojamehl:
Preis pro Tonne: 306,96 €/t  [4];
Verkaufserlös: 306,96 €/t * 0,73 t = 222 €

Literaturverzeichnis

[1] Food and Agriculture Organization of the United Nations. FAO, livestock and landscape, 2012.
[2] Chicago Board of Trade, Soybean crush reference guide, Chicago, 2008.
[3] „Indexmundi – Sojaöl,“ 08 12 2016. [Online]. Available: http://www.indexmundi.com/de/rohstoffpreise/?ware=sojaol&wahrung=eur.
[4] „Indexmundi – Sojabohnen,“ 08 12 2016. [Online]. Available: http://www.indexmundi.com/de/rohstoffpreise/?ware=sojamehl.
[5] Umweltökonomische Gesamtrechnungen – Flächenbelegung von Ernährungsgütern tierischen Ursprungs 2005 – 2014, Statistisches Bundesamt – DESTATIS, 2016.
[6] Food and Agriculture Organization of the United Nations. FAO, „FAOSTAT – Land,“ 2016. [Online]. Available: http://fenix.fao.org/faostat/beta/en/#data/RL. [Zugriff am 16 10 2016].
[7] „Wikipedia – Textured vegetable protein,“ 08 12 2016. [Online]. Available: https://en.wikipedia.org/wiki/Textured_vegetable_protein

1 Kommentar

  1. Danke für die sehr verständliche Erklärung und die interessante Berechnung.

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