Adventskalender „Don’t go Pollmer!“ Tür 14: „Diskriminierend: Spinnen und Schaben kennen keinen Schmerz“

Adventskalender „Don’t go Pollmer!“ Tür 14: „Diskriminierend: Spinnen und Schaben kennen keinen Schmerz“

Kurzzusammenfassung:

Tierrechtler schließen laut den Autoren recht willkürlich viele Tierarten vom Tierrecht aus, z. B. Insekten wie Spinnen, Fliegen und Schaben. Wenn man diese hingegen „anpackt, zappeln und strampeln Insekten in der Regel derart ausgiebig, dass schon eine sadistische Weltsicht dazugehört, diese Missfallensäußerungen nicht zu sehen“. Grund für die Missachtung ist laut der Autoren, dass die Tierrechtler sich eben nicht so gut in diese Tierchen hineinversetzen können, wie z. B. in „Schweinchen Babe“, weil diese keine süßen Kulleraugen haben.

Ihr wisst nicht worum es geht? Hier geht es zur Einleitung und hier geht es zur dreizehnten Tür des Kalenders „Von wegen: Gnadenhöfe sind eine Gnade für das Vieh.

„Diskriminierend: Spinnen und Schaben kennen keinen Schmerz“

Nachdem wir ja schon wissen, dass Vegane keinen Respekt vor Pflanzen haben, und gleichgültig sind, „wenn der Kohlkopf mit dem Gemüseschlachtmesser brutal von seinem Strunk geschnitten wird“ (Kp. 54., S.160), erfahren wir in diesem Kapitel folgerichtig, dass der Ausschluss von Insekten aus der Tierethik ebenfalls unzulässig ist: Durch Pestizide und Antiparasitika dürften ausgehend von der Tierethik Bettwanzen, Nacktschnecken und Leberegel „massakriert“ werden. In diesem Kapitel haben wir es also wieder mit einem Versuch ad absurdum und einem Tu quoque zu tun, bei dem, anstatt die Unzulänglichkeiten in der Massentierhaltung zu kritisieren, versucht wird, der gegnerischen Position die eigenen Verfehlungen und Inkonsequenzen vorzuhalten.

Die Tierethiker*innen haben laut den Autoren zwei Probleme: Sie wenden unzulässig menschliche Moralvorstellungen auf Tiere an und sie beschließen willkürlich, dass Pi mal Daumen nur Wirbeltiere empfindungsfähig sind. Ignorieren wir den ersten Punkt mit dem Hinweis, dass die Autoren – wie immer – nicht über den Horizont der Vertragstheorie hinausdenken (wollen) und den Unterschied zwischen moralischen Objekten und moralischen Subjekten außer Acht lassen. In Bezug auf den zweiten Punkt, so die Autoren, schließen die Tierethiker*innen 95 % aller Tiere aus, und das ist natürlich „der bare Unsinn“.

Was die Autoren freilich nicht wissen, ist, was es mit der Herleitung ethischer Prinzipien auf sich hat. Die Autoren begehen stattdessen eine petitio principii – sie setzen voraus, was zu beweisen ist. Da Insekten Tiere sind, müssen sie leiden. Da Insekten Tiere sind, und Tierethiker*innen Tieren Rechte zugestehen wollen, müssen Insekten Rechte bekommen. Die Empirie geht dem Prinzip voraus. Dabei ist es genau umgedreht: In der Ethik werden Prinzipien aufgestellt, und dann wird versucht, zu fragen, wer unter dieses Prinzip fällt.
Peter Singer z. B. ist der Auffassung, dass einen moralischen Standpunkt einzunehmen bedeutet, zu sagen, dass die eigenen Interessen nicht deswegen höher zu gewichten sind als andere, nur, weil es die eigenen Interessen sind. Dies ist für Singer die Grundbedingung der Universalisierbarkeit. Folgerichtig ist dann zu fragen, wer überhaupt Interessen hat, und Singer antwortet: „Die Fähigkeit, zu leiden und sich zu freuen ist vielmehr eine Grundvoraussetzung dafür, überhaupt Interessen haben zu können, eine Bedingung, die erfüllt sein muss, bevor wir überhaupt sinnvoll von Interessen sprechen können“ (85). Man mag von diesem Konzept halten, was man möchte – und Singers Theorie ist alles andere als unumstritten – aber sie ist folgerichtig. Wenn man Interessen in den Mittelpunkt der Ethik stellt, muss man fragen, wer Interessen hat. Man kann aber nicht einfach, wie die Autoren, auf etwas verweisen, dass erst mal begründet werden muss: dass Insekten empfindungsfähig sind im Sinne der Theorie.


Wenn die Autoren also schreiben: „Es ist ziemlich widersinnig, dass Tierrechtler dem Schmerz erst eine entscheidende biologische Funktion für die Selbsterhaltung zuweisen, um ihn dann fast allen Tieren abzusprechen“, dann ist allenfalls das Ethikverständnis der Autoren widersinnig. Aber was wissen Ethiker*innen und Philosoph*innen schon von Schmerzempfindungen und dem Geist der Tiere! Das ist eine Aufgabe für die Naturwissenschaften, wie der Lebensmittelchemiker Pollmer, der gelernte Landwirt und studierte Sozialwissenschaftler Alfs und der Agrarstatistiker Geckl wissen! Dass erst mal geklärt werden muss, was „Geist“ und „Schmerz“ bedeuten oder auch woran „Denken“ gekoppelt ist, und dass ohne eine Begriffsanalyse Naturwissenschaften verloren sind, die Begriffsanalyse aber das Wesen der Philosophie ist und diese also einen Primat hat, interessiert die Autoren nicht. Sie zeigen unverblümt, in welcher Tradition sie stehen: In der Tradition eines primitiven Positivismus, der die Welt so nimmt, wie sie ist, und nicht in ihrer Gewordenheit betrachtet, und in der Tradition eines kühlen Vernunftglaubens, der vermeint, dass sich die Welt und deren Wesen exakt berechnen ließen.

Doch kauft den Autoren niemand ab, dass sie sich für das Leiden von Insekten interessieren. Das Leiden anderer ist für die Autoren immer nur gut genug, um nicht die Verbrechen der „Nutz“-Tierhaltung verhandeln zu müssen. Das Leiden der Insekten tangiert die Autoren, das Leiden der Nutztiere und Menschen nicht. Wieder einmal spielen sie sich als Rächer der Unterdrückten auf, nutzen diese aber nur, um dadurch andere noch mehr zu diskriminieren. Wir erfahren in dem Buch nichts über die 60 Milliarden Tiere, die jährlich geschlachtet werden, nichts über die Menschen, die wegen des Anbaus von Futtermitteln vertrieben werden, nichts über die Zerstörung lokaler Märkte durch den Export von Schlachtabfällen, die zu Flüchtenden führen, nichts über die Bedingungen in den Schlachthäusern, wo Ausländer*innen systematisch diskriminiert werden.  „Das Leben ist kein Ponyhof“ (Kp. 50, S. 146.), schreiben die Autoren. Außer natürlich, man ist ein „Nutztier“ – dann hat man das Paradies auf Erden.

Im Recht gibt es den Grundsatz „In dubio pro reo“ – im Zweifel für den Angeklagten. Diesen Grundsatz versuchen Tierrechtler*innen natürlich zu beherzigen. Wenn es umstritten ist, ob diese oder jene Spezies schmerzempfindlich ist oder nicht, dann ist von einer Nutzung/Tötung derselben Abstand zu nehmen. Die Autoren dagegen haben genau die umgekehrte Auffassung: Nach ihrem Bild von Tierrechtler*innen haben diese nichts Besseres zu tun, als zu versuchen, wo sie nur können Pflanzen und Insekten zu töten. Das Gegenteil ist der Fall: Nicht repräsentative Umfragen ergeben, dass Veganer*innen Spinnen eher raustragen, als sie in der Toilette runterzuspülen, eher darauf verzichten, Muscheln zu essen und auch nicht im Wald umherspazieren und mit der Machete Sträucher vernichten. Zu guter Letzt sei darauf hingewiesen, dass für eine omnivore Ernährung viel mehr Insekten, Kleintiere und Pflanzen vernichtet werden – plus die Tiere, die direkt gezüchtet und getötet werden. Aber wenn man in einem Hass gegen Tierrechtler*innen so gefangen ist, dann kann einem das schon mal entgegen, ebenso wie die Gleichsetzung des Leidens der „Nutz“-Tiere mit Bettwanzen, Nacktschnecken und Leberegeln.

Was bleibt also? Die Verächtlichmachung der tierrechtlerischen Position: „In Wirklichkeit ist die Tierethik von Singer, Sezgin und Co. Bloß ein in Fauna und Flora projizierter Rassismus – mit dem veganen Übermenschen an der Spitze der Hierarchie“. Besser hätte die Autoren gar nicht darlegen können, dass sie das Prinzip des (Anti-)Speziesismus nicht verstanden haben, ebenso wenig wie den tierrechtlerischen Ansatz und die Entwicklung ethischer Prinzipien.

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