Adventskalender „Don’t go Pollmer!“ Tür 1: „Total Banane: Menschenrechte für Menschenaffen“

Adventskalender „Don’t go Pollmer!“ Tür 1: „Total Banane: Menschenrechte für Menschenaffen“

Kurzzusammenfassung:

Die Autoren argumentieren, dass wir in der westlichen Welt ein falsches Affenbild hätten, das hauptsächlich von Fernsehserien geprägt sei, wo Affen wie Menschen agieren. Das hätte mit den oft abscheulichen Zügen realer Affen nichts zu tun. Zudem seien die Gesellschaften in Afrika darauf angewiesen, die Tiere zu jagen. Elefanten – so die Autoren – zerstören Felder, Dörfer und Wohnstätten. Würden Menschenrechte für Affen oder Elefanten gefordert, würden Existenzgrundlagen zerstört werden. Ferner handele es sich bei der Forderung nach Menschenrechte für Menschenaffen um eine Art koloniales Verhalten.

Ihr wisst nicht worum es geht? Hier geht es zur Einleitung.

„Total Banane: Menschenrechte für Menschenaffen“

Es geht gut los und die Art und Weise wird typisch bleiben für dieses Buch und uns den ganzen Kalender über begleiten. Es geht um den Versuch, komplexe Argumente und Ansätze soweit herunterzubrechen und zu verfälschen, dass die Autoren meinen, diese mit ein paar wirren Sätzen zurückweisen zu können. So auch hier im Falle der Frage, ob zumindest bestimmte Spezies wie bspw. Schimpansen Grundrechte wie das Recht auf Leben zuerkannt bekommen müssten.

Statt sich jedoch mit den Argumenten dafür auseinanderzusetzen und diese zu widerlegen, nutzen sie hier vor allem drei Scheinargumente.

1. „Affenliebe“

Pollmer, Keckl und Alfs geben vor, die Ursachen für die Forderung nach Menschenrechten für Menschenaffen zu betrachten. Diese lägen in einem falschen „Schimpansenbild“, in einer „Affenliebe“, die die „tatsächlichen“ Verhaltensweisen von Schimpansen übersehen würde. Ihren Ursprung habe diese im Kolonialismus und den Safaris und dem dort inszenierten verzerrten Bild. Die Menschen, die tatsächlich mit Affen zu tun hätten, hätten auch keine sentimentale Zuneigung zu den Tieren, was bei uns als Barbarei der „Wilden” gelte, was Ausdruck unseres „Herrenmenschentums” sei. Wenn Tierrechtler*innen also das Sagen hätten, dann wäre der Verzehr von Affen als „Bushmeat” Mord und Kannibalismus. Folglich sind jene, die Menschenrechte für Menschenaffen fordern, auch „Ökokolonialisten“. Die zu recht zu kritisierende und historisch aufzuarbeitende Zeit des Kolonialismus wird vereinfacht und der Begriff missbraucht, um Stimmung zu machen. Das wird nicht nur nicht der Komplexität gerecht, sondern wirkt aus relativierend. Die Verbrechen der Kolonialzeit taugen den Autoren gerade mal als Polemik. Die Strategie, die mit solchen immer wieder eingestreuten Begriffen verfolgt wird, ist klar. Verbinde eine Forderung mit etwas „Bösem“, denn was böse ist, über das müsse man nicht mehr nachdenken. Und das haben die Autoren auch nicht getan. Das Buch entwickelt sich zum Beispielwerk der Scheinargumente.

Was die Autoren nun in Bezug auf diesen Punkt neben vielen anderen Aspekten verschweigen, ist, dass die Argumente für Tierrechte oder spezieller für Menschenrechte für Menschenaffen eben gerade nicht auf einer „Liebe“ oder einer romantisierten Sicht beruhen, sondern von dieser zu abstrahieren suchen und sich an aktuellen neurobiologischen, biologischen, ethologischen und tierphilosophischen Untersuchungen orientieren. Statt nur auf die Bücher zu verweisen, hätten die Autoren sie einmal lesen sollen. So ist es für die Zuerkennung von Rechten im Rahmen der Begründung egal, wie jemand persönlich zu Affen steht, ob er sie mag oder nicht. Denn es wäre genauso absurd, Menschenrechte abzulehnen, bloß weil jemand ein zu positives Menschenbild hat. Genauso ist es völlig egal, ob die Idee der Menschenrechte einmal aus einer „Menschenliebe“ entstanden sei, aus der Zuneigung von Privilegierten zu Marginalisierten. Die Genese ist nicht die Begründung. Nur will man sich eben letzterer polemisch entziehen und verwechselt das mit einem „Argument“. Es handelt also um zwei verschiedene Dinge. Einmal darum, wie sich eine Sache entwickelt hat, bzw. wie sie entstanden ist (und auch hier ist das Werk der Autoren weit davon entfernt eine wissenschaftlich haltbare Erklärung zu liefern) und einmal darum, wie sie gerechtfertigt wird oder werden kann.

2. Das Argumentum ad consequentiam

Eines der Hauptargumente der Autoren besteht darin, mittels bestimmter vermuteter Konsequenzen und deren Übertreibung eine Aussage lächerlich zu machen. So missbrauchen die Autoren die vermeintliche Armut afrikanischer Bauern als scheinbares Argument. Elefanten würden Felder zerstören. Würden diese nicht gejagt werden, wäre ganz Afrika quasi Brachland. Die Bevölkerung hasse also Elefanten. Man beachte dabei unbedingt den klammheimlich gemachten Sprung von Schimpansen zu Elefanten. Weil Elefanten Felder zerstören würden, sind auf einmal Menschenrechte für Menschenaffen falsch. „Affenliebe“ kann keine grundlegenden Rechte legitimieren, „Elefantenhass“ aber deren Aberkennung. Vorgetragen auf eine Weise, die ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass ein unerwünschtes Verhalten einer Spezies sich auf die Rechte einer anderen Spezies auswirke oder dass grundlegende Rechte prinzipiell von einem gewünschten Verhalten abhängen würden. Klaut die Katze nebenan Futter, sollte Pollmer dann aber auch ins Gefängnis gehen.

Wie sehr bei diesem Einwand zudem auch die Armut der afrikanischen Bauern als Argument missbraucht wird, zeigt sich darin, dass die Ursachen, obwohl man den Kolonialismus ja als Teil seines Arguments anspricht, gar nicht beachtet werden. Die Elefanten sind schuld. Punkt. Neben dem vermeintlichen Elefantenhass würden Elefanten unter anderem auch deswegen gejagt, weil mit ihrem Fleisch das “vegane Hungermahl” der Gefängnisinsassen in Simbabwe nahrhafter gestaltet werden würde. Die Armut des Afrikaners ist bei Pollmer und Co. gerade gut genug, sie gegen Tierrechte zu missbrauchen.

3. Imperialismus

Die Forderung nach Grundrechten für Menschenaffen bezieht sich vor allen Dingen auf deren Verwendung für Tierversuche und deren Ausstellung in Zoos. Die Autoren gehen nicht ein einziges Mal auf diese Punkte ein. Stattdessen konstruieren sie das Gespenst eines westlichen Imperialismus, bei dem es nur darum geht, den “armen Afrikanern” ihr Buschfleisch wegzunehmen. Dass es darum geht, dass Schimpansen nicht an offener Schädeldecke für fragwürdige Experimente operiert werden oder dass sie nicht vollkommen wider ihrer Bedürfnisse auf engstem Raum zur Belustigung von Menschen eingesperrt werden, wird mit keinem Wort erwähnt. Es geht also vor allen Dingen darum, wie Affen BEI UNS behandelt werden, und nicht darum, wie sie weit entfernt von uns behandelt werden. (Nebenbei bemerkt ist es den Autoren scheinbar egal, dass viele Affen sterben, wenn sie aus ihrem natürlichen Habitat entrissen werden, um in europäische Zoos verschleppt zu werden.) Dass es nicht absurd ist, Menschenaffen Grundrechte zuzugestehen, zeigt der Fall von Sandra, ein Orang-Utan-Weibchen, die 2014 von einem argentinischen Gericht als Person anerkannt wurde.

"Man kann einem Menschenaffen nicht in die Augen schauen, ohne etwas ganz besonderes zu spüren."

Lesetipps

Wolf, Ursula: Das Tier in der Moral, Frankfurt am Main 1990.

Wolf, Ursula (Hrsg.): Texte zur Tierethik, Stuttgart 2008.

Martha C. Nussbaum: Die Grenzen der Gerechtigkeit, Berlin 2010.

Peter Singer: Praktische Ethik, erw. Aufl., Stuttgart 2013.

Schmitz, Friderike (Hrsg.): Tierethik. Grundlagentexte, Berlin 2014.

Zweite Tür

Hier geht es zur zweiten Tür des Kalenders „Wahn: Berühmte Vegetarier sind moralische Vorbilder.

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